Tiere suchen im Bröller

Heute bin ich mit Hannes verabredet, seines Zeichens Sammler, Kartierer und Katalogisierer aller Arten von Krabbeltieren, die man in Höhlen antreffen kann. Nur wenn man weiß, was in einer bestimmten Höhle kreucht und fleucht, kann man den Hohlraum angemessen schützen. Gegen 11 Uhr treffen wir uns auf dem Parkplatz in der Nähe „unseres“ Bröllers. Nach einer kurzen Begrüßung laden wir das Ausrüstungsmaterial auf und stapfen hinunter in die Klinge mit dem Höhleneingang.

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Adventskalender

Höhle ohne Gitter

Bei üblichen Adventskalendern ist es normal, dass zum 4. Advent alle Türchen geöffnet sind. Bei diesem Törchen wäre es aber angebracht, wenn es um diese Jahreszeit geschlossen wäre. Leider hat der dafür zuständige Verein diesen Winter die Höhle schon wieder nicht zugemacht. Warum? Wenn es nur um die Leute geht, die beim Tragen helfen, sind wir gerne bereit, Unterstützung zu leisten.

Die Fledermäuse wären sicher dankbar für ein Quartier, in dem sie ungestört den Winterschlaf abhalten können.

Über allen Gipfeln ist Ruh

Am Nachmittag erklommen Istri und Suami die luftigen Höhen des Scheuelbergs, um sich am herbstlichen Sonnenschein zu erquicken. Um dem Spaziergang seriöse Tiefe zu geben,  wurden die Verschlusseinrichtungen an einigen Höhleneingängen kontrolliert. Alles in Ordnung; es ist gewährleistet, dass die Fledermäuse ungestört durch den Winter grummeln können.

Hacken im Karst

Auf dem …berg gibt es die …höhle. Deren schachtartig nach unten führender Eingang wurde ursprünglich mit einem aufgesägten Mülleimer gesichert. Leider beschädigte der Gebirgsdruck diesen im Lauf der Jahre und es war auch nicht möglich, ihn abzuschließen. In der Folge wurde die Höhle von allzu sorglosen Personen befahren und zunehmend verschmutzt. Die Kameraden von der Arge Rosenstein beschafften bei den Behörden die Genehmigung, um den Eingang besser zu sichern und zu verschließen. „Hacken im Karst“ weiterlesen

Wer hat es an der Teufelsklinge krachen lassen?

Am Wochenende wurde ich von befreundeten Höfos auf merkwürdige Löcher im Bachbett vor dem Teufelsklingenbröller aufmerksam gemacht. Die Löcher sind kreisrund, haben ca. 3 cm Durchmesser und eine unterschiedliche Tiefe. In einigen pappen die Reste einer Masse, die als Sprengzement gedeutet wird. Die Anordnung der eindeutig künstlichen Löcher lässt darauf schließen, dass irgend jemand versucht hat, das Bachbett durch Sprengungen tiefer zu legen und den Wasserspiegel im 1. Siphon abzusenken. Bei den Forschungsaktionen in den 80er und 90er Jahren waren uns die Löcher nicht aufgefallen. Sie müssen in den letzten 10 Jahren angebracht worden sein.

Die anwesenden Kameraden nahmen diesen Fund mit Missfallen zur Kenntnis. Jedem, der meint, in dem Naturdenkmal Teufelsklinge massive Eingriffe vornehmen zu müssen, sei empfohlen, sich besser nicht erwischen zu lassen. Von Seiten der organisierten Höhlenforscher wird das nicht akzeptiert!

Bohrlöcher im Felsboden unter der Trauflinie des Teufelsklingenbröllers

 

Eine faszinierende Welt unter der Erde

Um mich herum ist es dunkler als in der schwärzesten Nacht, nur der Lichtstrahl meiner Helmlampe geistert über zerfurchte und feucht schimmernde Felswände. Unter mir verliert sich mein Licht in der gähnenden, finsteren Leere; über mir sehe ich einen kleinen Lichtflecken, der rasch kleiner und kleiner wird. Wie weit geht es noch hinab? Jeder Ruck des Seiles belastet die Nerven bis zum Zerspringen. Von der Decke abfallende Wassertropfen glitzern durch meine Lampe kurz auf wie Edelsteine und werden dann von dem düsteren Abgrund verschluckt. Endlich tauchen die schemenhaften Konturen des Felsbodens unter mir aus der Dunkelheit auf. Geschafft, ich bin unten!

So schildert sich der Abstieg in einen mehr als 40 m tiefen Höhlenschacht der Schwäbischen Alb, in den ich mich mit zwei Freunden abgeseilt habe, um dort Untersuchungen anzustellen. Wir entnehmen unseren Spezialrucksäcken, den sog. „Schleifsäcken“, Thermometer und Hygrometer, um die Temperatur und die Feuchtigkeit der Höhlenluft zu messen. Die Geräte zeigen 8,2 Grad und 89 % Luftfeuchte an, typische Werte für Albhöhlen.

Warum machen wir diese Messungen, welcher Sinn verbirgt sich dahinter?

Wir wollen herausfinden, ob schädliche, mit ungeklärten Abwässern an der Erdoberfläche versickernde Bakterien in Höhlen lebensfähig sind und zu einer Verseuchung des Grundwassers führen können. Da neben dem Nahrungsangebot die Wärme und die Feuchtigkeit Parameter für die Lebenstätigkeit von Mikroorganismen darstellen, müssen wir diese Werte kennen.

Durch unsere Untersuchungen stellt sich heraus, dass Bakterien in Höhlen lange nicht absterben und daher das Grundwasser verunreinigen können. Wenn in einem Karstgebiet eine Quelle zur Trinkwasserversorgung erschlossen werden soll, dann versuchen Höhlenforscher, ob sie den unterirdischen Bachlauf verfolgen können, um zu klären, ob es im Berg ausreichende Wasservorräte gibt und ob sie verschmutzungsgefährdet sind. Gerade im Bereich der Karsthydrologie ist die Höhlenkunde auch für die Allgemeinheit von wertvoller Bedeutung. Deshalb ist die Suche nach reinem Wasser, unser aller Lebenselement, sowie die Reinhaltung desselben eine wichtige Aufgabe der Höhlenforscher heute und in der Zukunft.

Häufig wird zur Erkundung unterirdischer Wasserläufe, die dem Menschen unzugänglich sind, die Technik der Tracermarkierung verwendet. Man gibt an der Stelle, an der das Wasser im Boden verschwindet, einen Stoff ein, der im Wasser leicht nachweisbar ist. Früher war dies Salz, das am Geschmack identifiziert wurde, heute benutzt man den intensiv gelbgrün schillernden Farbstoff Fluorescein. Dieser kann noch in einer Verdünnung von 1: 10 Millionen erkannt werden!

Aber nicht nur wegen der Trinkwasserversorgung ist es sinnvoll, die Lage und den Verlauf von Höhlen zu kennen. Auch bei Großbauten ist dieses Wissen von Nutzen. Als der Nil am Assuan-Stausee aufgestaut werden sollte, wurde bemerkt, dass ein erheblicher Teil des Wassers durch unbekannte Höhlen zum Roten Meer abfloss! Dies hatte zur Folge, dass das Nilwasser nur begrenzt genutzt werden konnte. In vielen Höhlengegenden, auch in Deutschland, werden beim Häuser- und Straßenbau oftmals Höhlen angeschnitten. Hier muss entschieden werden, ob das Gestein dadurch noch tragfähig genug ist, um überbaut werden zu können. Allerdings ist es nicht selten eine Fehlentscheidung, wenn man sich zur oft überflüssigen und kostenspieligen Zerstörung einer Höhle durch Verfüllung mit Beton entschließt.

Wir haben unsere Messungen beendet und bereiten uns auf den Rückweg vor. Als ich beim Packen der Schleifsäcke am Boden sitze, bemerke ich ein Tier auf den Felsen, das rasch zwischen den Steinen verschwinden will. Wir reagieren schnell, schon bald ist es gefangen. Es handelt sich um einen Laufkäfer, der vermutlich durch den Eingang herabgefallen ist. Nach einem kurzen Blitzlichtgewitter wird er wieder in seine dunkle Freiheit entlassen.

Keineswegs sind die dunklen Tiefen völlig lebensfeindlich. Die finsteren Regionen unseres Planeten bedeuten für die meisten Lebewesen den sicheren Tod, für andere aber, die sich im Laufe von Jahrhunderttausenden an die extremen Bedingungen angepasst haben, sind sie ein Paradies. Die Höhlenverhältnisse – Kälte, Dunkelheit und karges Nahrungsangebot – die für die allermeisten Organismen lebensbedrohend sind, sind für jene Lebenskünstler unter der Erde von Vorteil. Die Temperatur ist zwar niedrig, aber konstant. Weder extreme Hitze oder Kälte belasten den Organismus der Höhlentiere. Die Dunkelheit schützt einerseits vor vielen Fressfeinden und andererseits vor der gefährlichen ultravioletten Strahlung der Sonne, welche die Bewohner der Erdoberfläche mittels Fell, Federn oder Hautpigmenten abwehren müssen. Pigmente werden für Höhlenbewohner entbehrlich, weshalb echte Höhlentiere meist blass und fahl sind. Auch die Flügel verkümmern, da ohne Licht ein gezieltes Fliegen unmöglich ist.

Wie ist das dann mit den Fledermäusen, die eben doch bei Nacht fliegen?

Schon der im 18. Jahrhundert lebende italienische Biologe Spallanzani befasste sich mit Fledermäusen und schrieb deren Orientierungsvermögen einem unbekannten „7. Sinn“ zu. 1938 wurde das Rätsel gelöst: Die Fledermäuse benutzen eine Art Radarortung. Sie stoßen Schreie von dermaßen hoher Frequenz aus, dass sie für den Menschen unhörbar sind. Diese werden von Hindernissen reflektiert. Aus Art und Richtung des Echos können die wendigen Flieger auf die Entfernung des Hindernisses schließen und so auch bei Nacht sicher fliegen. Leider spuken auch heute noch absurde Vorstellungen durch die Köpfe der Menschen: Die Tiere seien ekelhaft und würden besonders Frauen nachts heimtückisch anfallen. Jeder, der einmal eine Fledermaus auf einem Foto gesehen hat, wird das erste Urteil widerrufen müssen, denn diese – mit den Spitzmäusen entfernt verwandten – Säuger zeichnen sich durch geradezu possierliche Gesichter aus. Die Gefährlichkeit der zu den Chiropteren (Armflügler) zählenden Tiere ist nicht nur übertrieben dargestellt, sie sind im Gegenteil völlig harmlos. Die vermeintlichen „Fledermausangriffe“ zeigen nur die Schwächen der Radarortung auf: Fülliges Frauenhaar schluckt den Ultraschallimpuls, so dass die Fledermaus den plötzlich in ihrem Weg auftauchenden „Fremdkörper“ wegen des fehlenden Echos „übersieht“. Übrigens müssten die Fledertiere eigentlich die Freunde aller Landwirte sein, da sie Unmengen von Schadinsekten vertilgen: Jedes Individuum verzehrt pro Nacht eine Insektenzahl, deren Masse dem eigenen Körpergewicht entspricht!

Das bekannteste Höhlentier ist der Grottenolm, ein blass-fleischfarbener, augenloser und kiementragender Molch, der nur in einigen bestimmten Höhlen Sloweniens und Bosniens vorkommt. In Deutschland gibt es nur wenige echte Höhlentiere, die – im Gegensatz etwa zu dem erwähnten Laufkäfer – voll an das Höhlenleben angepasst sind. Dazu zählen die bis zu zwei Zentimeter langen Brunnenkrebse und die gerade millimeterlangen Springschwänze.

Die Höhlentiere sind auf die Nahrung angewiesen, die vom Wasser eingespült oder vom Luftzug eingeweht wird. Diese Nahrung ist sehr knapp, doch wurde festgestellt, dass Grottenolme ein Jahr oder länger ohne zu fressen überleben können! So können sie die Pausen zwischen den frühjährlichen Hochwässern, bei denen viele organische Substanzen eingespült werden, überdauern.

Bisher war nur von Tieren die Rede. Dies ist nicht weiter verwunderlich, denn grüne, Photosynthese betreibende Pflanzen können in Höhlen nicht existieren. Sie besiedeln allenfalls die Dämmerungszone in Eingangsnähe in Form von Moos- und Algenüberzügen auf den Felsen. Die einzigen Höhlenpflanzen sind Pilze, die sich von totem organischen Material ernähren und dazu des Lichtes nicht bedürfen.

Daran muss ich denken, während meine Freunde nacheinander am Seil aufsteigen. Durch die Warterei ist mir kühl geworden, ich fröstle in meinen vom Tropfwasser durchfeuchteten Kleidern und sehe, wie das Flämmchen meiner Karbidlampe immer kleiner wird. Offenbar sind wir heute nicht mehr so gut an die Höhlen angepasst wie unser Vorfahr, der „Höhlenmensch“. Doch war dies jemals der Fall?

Der Mensch der Steinzeit, der keine geeigneten Hilfsmittel besaß, konnte kaum tiefer in den Berg eindringen. Was sollte er auch dort, wo es feucht, dunkel und schmutzig ist? Die Menschen bewohnten nur die Eingangsregion der Höhlen oder Felsnischen, die noch vom Tageslicht erhellt wurden. Diese boten in der Kindheit der Menschheitsgeschichte Schutz vor wilden Tieren, Kälte, Regen und Wind. Dort hausten die Menschen solange, wie in den umgebenden Wäldern oder Steppen noch genügend Wild zu finden war. Zogen die Tierherden weiter, mussten sie ihr zuhause verlassen und den Tieren auf ihrer Wanderung folgen.

Die von den Steinzeitmenschen hinterlassenen Relikte sind Jahrmillionen alt. Einige der ältesten Überreste, die vom Vormenschen Australopithecus hinterlassen wurden, fand man in südostafrikanischen Höhlen.

Da die Hohlräume gut vor Verwitterung schützen, haben sich die Überreste der Urmenschen sowie ihrer Werkzeuge und Beutetiere gut erhalten. Höhlen wurden so zu den Schatzkammern der Urgeschichtsforschung.

Während sich die Besiedlung der Höhleneingänge von der frühsten Menschheitsgeschichte vor zwei Millionen Jahren bis zum Ende der Mittleren Steinzeit, ca. 6000 v. Chr., nahezu kontinuierlich belegen lässt, bewohnte der Mensch das Höhleninnere nie. Und doch hinterließ er dort die wohl beeindruckendsten Zeugnisse seiner Kultur, die Höhlenmalereien. Bemalte Höhlen finden sich vor allem in Südfrankreich und Nordspanien. Die Malereien, die durch einen außerordentlichen Naturalismus gekennzeichnet sind, stammen hauptsächlich aus der jüngeren Altsteinzeit. Man ist der Meinung, dass die Höhlenmalereien eine kultische Funktion hatten. Es sollten die dargestellten Tiere durch einen Zauber gebannt und dadurch das Jagdglück erzwungen werden. Offenbar glaubte sich der Mensch in den Höhlen jenen Geistern und Dämonen näher, die er mit seinen Kulthandlungen beschwor. Allerdings lässt es sich schwer abstreiten, dass der Steinzeitmensch wahrscheinlich auch einem kreativen Drang folgte, als er seine unterirdischen Werke schuf. War die Höhle für ihn eine Basilika oder eine Kunstgalerie? Vermutlich von beidem etwas. Bezeichnenderweise endete die Höhlennutzung mit dem Beginn der Jungsteinzeit, als der Mensch durch die Erfindung von Ackerbau und Viehzucht sesshaft wurde. Jetzt konnte er es sich leisten, wohnliche Häuser zu bauen, da er nicht mehr dem Zyklus der Tierwanderungen unterworfen dazu gezwungen war, sein Heim alle paar Wochen aufzugeben.

Der Steinzeitmensch drang nie tiefer in Höhlen ein. Die „Befahrung“, wie das Begehen von Höhlen im Jargon heißt, ist ein Produkt unseres wissenschaftlichen Zeitalters. Die älteste bekannte Höhlenfahrt aus reiner Neugier führte der Assyrerkönig Salmanassar III. im Jahre 852 v. Chr. durch, der Höhlen im Quellgebiet des Tigris besuchte. Die älteste Beschreibung einer deutschen Höhle stammt von dem Dominikanerprior Felix Fabri, der von 1470 bis 1502 in Ulm lebte. Ein erstaunlich realistischer Bericht über eine Höhle der Fränkischen Alb ist aus dem Jahre 1535 erhalten. Um 1680 führte Freih. v. Valvasor in Jugoslawien regelrechte Expeditionen durch.

Trotz allem waren dies im wesentlichen Einzeltaten. Einen gewissen Aufschwung erhielt die Höhlenkunde in den Jahrzehnten nach der Aufklärung, als sich die Menschen einerseits wieder auf die Natur besannen und andererseits der Entwicklung der Naturwissenschaften ein enormer Vorschub geleistet wurde. Gelehrte und Künstler, Reisende und Dichter befassten sich mit Höhlen.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts beschrieb Rosenmüller ein bisher unbekanntes Urzeitwesen, den Höhlenbären, dessen Überreste man in fränkischen Höhlen gefunden hatte. 1812 formulierte Georges Cuvier eine Theorie über das Tropfsteinwachstum, die später durch den Chemiker Justus v. Liebig verbessert wurde. 1829 besuchte der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy die Fingalshöhle auf der Hebrideninsel Staffa. Die Impressionen dieser Höhlenfahrt fanden ihren künstlerischen Niederschlag in der Overtüre „Die Hebriden“.

Ab 1880 machten einige Höhlenpioniere wie E.-A. Martel in Frankreich, F. Kraus in Österreich und K. Gussmann in Deutschland die Höhlenkunde populär. Vor über 100 Jahren, 1889, rief Gussmann mit dem „Schwäbischen Höhlenverein“ die erste höhlenkundliche Organisation Deutschlands ins Leben.

„Seil frei!“ Der Ruf hallt von den Felswänden wider. Endlich sind meine Freunde oben. Ich trete zum freihängenden Seil, klinke meine Steigklemmen ein und steige dann zügig und gleichmäßig nach oben, dem Licht entgegen. So leicht hatte man es vor 100 Jahren nicht! Ich stelle mir vor, wie damals die Höhlenfahrt abgelaufen wäre, die wir heute vollzogen haben. Fast zehn Mann hätte man gebraucht, um die sperrigen Strickleitern zu tragen, die aus Hanfseilen und Rundhölzern gefertigt waren. Da Hanfseile leicht abgenutzt werden und in der Nässe schnell faulen, war die Festigkeit der Leitern unberechenbar, weshalb jeder Kletterer, nachdem die Leitern endlich verknotet und in den Schacht abgelassen waren, zusätzlich über ein Seil gesichert wurde. Die Sicherungsleine musste vom Eingang aus von etwa zwei Leuten bedient werden, während der Rest der Mannschaft den Abstieg wagte. Kerzen spendeten Licht und mit Papier ausgestopfte Filzhüte schützten vor Steinschlag. Insgesamt waren die frühen Forscher sicher stundenlang unterwegs. Wie sind wir dagegen vorgegangen? Ein kurzer Fußmarsch brachte uns vom Parkplatz zur Höhle, wo sofort das etwa 10 mm starke Polyamidseil, das mit bis zu zweieinhalb Tonnen belastet werden kann, in die Tiefe abgelassen wurde. In die Höhlenoveralls gehüllt, die man kurz als „Schlaz“ bezeichnet, seilten wir uns nacheinander mit der Petzl-Bremse in den Schacht ab, wobei jeder Forscher unabhängig von seinen Kollegen operiert, da diese Einseiltechnik das Sicherungspersonal entbehrlich macht. Durch diese moderne Ausrüstung sind Expeditionen möglich, von denen man vor wenigen Jahren nur träumen konnte!

Beim Klettern bemerke ich eine Spalte, die das ganze Gestein zerrissen zu haben scheint. Es ist eine Störungszone, auf der sich die Höhle entwickelt hat.

Höhlen sind in vielen Gesteinen verbreitet, wirklich große Exemplare findet man aber nur in Gips, Kalk und Dolomit. Diese Gesteine besitzen eine besondere Eigenschaft: sie sind wasserlöslich und somit verkarstungsfähig. „Karst“, das ist der Name einer Landschaft im Grenzgebiet zwischen Slowenien und Italien, in der es viele Höhlen gibt. Von dort haben alle Gegenden der Welt, in denen vergleichbare Phänomene existieren, den Namen „Karstgebiete“ erhalten.

Mit wasserlöslichem Gestein ist natürlich nicht gemeint, dass sich ein Felsbrocken in Wasser löst wie ein Stück Würfelzucker, aber besonders Gips wird im Laufe von Jahrtausenden tatsächlich vom Regen gelöst und ausgelaugt. Bei Kalk und Dolomit müsste man eher von Korrosion sprechen, denn diese Gesteine sind in reinem Wasser fast unlöslich. Nun ist Regenwasser aber nicht rein, sondern es enthält eine schwache Säure, die Kohlensäure, welche aber mit dem „sauren Regen“ nichts zu tun hat. Sie entsteht dadurch, wenn Kohlendioxid aus der Luft mit Wasser reagiert. Obwohl die Säure sehr schwach ist – Mineralwasser, an dessen Bekömmlichkeit niemand etwas zu bemängeln hat, enthält mehr – ist sie in der Lage, in langen Zeiträumen mit Kalk und Dolomit zu reagieren. In Regenwasser lösen sich pro Liter etwa 13-14 mg Kalk. Wenn das Wasser aber durch den Humusboden sickert, der viel Kohlendioxid enthält, wird es mit Kohlensäure angereichert und vermag dann eine bis zu 100-fache Menge Kalk zu lösen.

Abermilliarden winziger Lebewesen mussten sterben, damit sich am Grunde der Urozeane mächtige Kalkschlammschichten ablagern konnten, die aus den Schalen und Gehäusen der Organismen bestanden. Die Schichten verfestigten sich durch den Druck der überlagernden Massen und wurden durch die Driftbewegungen der Kontinente angehoben und zu Gebirgen gefaltet. Durch die ungeheuren Kräfte bekam das Gestein unzählige Risse und Klüfte. Durch diese dringt das Wasser ins Gebirge ein und höhlt es von innen her aus.

Das Wasser sucht sich seinen Weg im Berg von der Erdoberfläche aus nach unten, wo es über der Talsohle wieder ans Tageslicht tritt.

In den völlig wassererfüllten Gängen, die auch als „phreatisch“ bezeichnet werden, wirkt die Gesteinsauflösung nach allen Seiten. Im Idealfall bilden sich röhrenförmige Gänge aus. Wenn der im Tal fließende Bach, der Vorfluter, die Talsohle immer tiefer eingräbt, muss sich dies auf den Wasserstand in der Höhle auswirken, der ständig absinkt. Der Höhlenbach schneidet sich immer mehr in den Höhlenboden ein und dadurch entstehen schließlich „vadose“ Schluchten und Canyons.

So entwickelten sich in langen Zeiträumen große Systeme. In der Tat sind die Dimensionen einiger großer Höhlen schlichtweg unvorstellbar. Die längste Höhle der Erde, die Mammoth Cave, USA, bildet ein gewaltiges System von 560 km Länge! Die tiefste Höhle, die Voronya-Höhle im Kaukasus, reicht 1710 m in die Tiefe. Auf der Insel Borneo existiert eine freitragende unterirdische Halle von mehr als 1000 m Länge! Die deutschen Höhlen bleiben hinter diesen Maßen weit zurück. Die längste Höhle Deutschlands, die Salzgrabenhöhle in Bayern, ist etwas über 9 km lang und die tiefste Höhle, der Geburtstagschacht, reicht 598 m in den Untergrund hinab.

Auch was den Tropfsteinschmuck anbetrifft, geben sich unsere Höhlen etwas bescheidener als jene anderer Länder. Wie entstehen die Tropfsteine mit ihren unzähligen Formen?

Die Tropfsteinbildung ist die Umkehrung der Höhlenentstehung. Auf seinem Weg durch die Klüfte hat sich das Wasser mit Kalk angereichert. Tritt es in einen Hohlraum ein, gibt es Kohlendioxid an die Umgebungsluft ab, was zur Folge hat, dass der gelöste Kalk als Tropfstein, oder allgemeiner, als „Sinter“ auskristallisiert. Die Art und Weise, wie der Wassertropfen in der Höhle abrinnt, entscheidet über die entstehende Tropfsteinform. Hängt der Tropfen, bevor er abfällt, längere Zeit an der Decke, scheidet sich der Kalk an der Oberfläche des Tropfens ab. Die Projektion eines Tropfens in die Ebene ist ein Kreis, weshalb sich der Kalk ringförmig an der Decke absetzt. Der nächste Tropfen tritt durch diesen Ring hindurch, lagert weiteren Kalk ab, so dass Ring auf Ring wächst. Ein Deckentropfstein, Stalaktit genannt, bildet sich. Die am Boden aufschlagenden Tropfen lagern eine Kalkkruste auf der anderen ab- ein Bodentropfstein, Stalagmit, wächst dem Stalaktiten entgegen und vereinigt sich manchmal mit ihm zu einer Säule.

Rinnen die Tropfen an der Wand ab, bildet sich eine Kalkspur. Durch fortschreitende Kalkablagerung bilden sich Sinterfahnen, die gelegentlich durchscheinend sind wie chinesisches Porzellan.

Eine seltene Tropfsteinart sind die „Excentriques“, die nicht einfach nach unten, sondern auch seitwärts oder nach oben wachsen und so Gebilde ausformen, die nicht der Gravitation zu gehorchen scheinen. Manchmal sehen diese extravaganten Gebilde aus wie versteinerte Wurzeln, häufig jedoch wie Korkenzieher. Ihre Entstehung ist noch nicht ganz gesichert, aber man vermutet, dass Verunreinigungen im Wasser die Kristallisation beeinflussen. Es lagert sich Schmutz in die wachsenden, mikroskopisch kleinen Kristalle ein, die dadurch verzerrt werden. Die Form der Kristalle bestimmt die Richtung des weiteren Wachstums.

Wir haben den Eingang erreicht und treten ins Freie, die Sonne blendet uns nach dem stundenlangen Aufenthalt in der dunklen Tiefe. Uns wurde wieder bewusst, dass Höhlen sehr empfindliche ökologische Systeme bilden und mitsamt ihrem Inhalt, den Tieren und den hunderttausende Jahre alten Tropfsteinen, dringend der Erhaltung und des Schutzes bedürfen.

Viele Höhlen wurden vom Tourismus zerstört und die Reaktion der staatlichen Naturschutzbehörden war stellenweise drastisch: In mehreren Gebieten der Schwäbischen Alb etwa dürfen Höhlen grundsätzlich nicht mehr betreten werden! Das wird leider eine Hemmung der seriösen Forschung bewirken. Der wirkliche Naturfreund betritt eine Höhle nie mit einer qualmenden Fackel, die alles verrußt, sondern mit einer Taschen- oder Karbidlampe. Ebenso wenig wird er Abfälle wegwerfen, Inschriften an den Wänden hinterlassen oder Tropfsteine abschlagen. Wegen der sehr empfindlichen, vom Aussterben bedrohten Fledermäuse, die um diese Zeit überwintern, sollen Höhlen zwischen dem 15. November und 15. April jeden Jahres nicht betreten werden. So kann jeder einen Beitrag dazu leisten, dass ein Teil der Natur, dem sonst wenig Beachtung geschenkt wird, den kommenden Generationen im Urzustand erhalten bleibt.

Folgende Bücher können aufgrund ihrer inhaltlichen Darstellung sowie ihrer exzellenten Fotos besonders als weiterführende Lektüre empfohlen werden:

Bauer, E. W. (1971): Höhlen. Welt ohne Sonne.- Esslingen (J. F. Schreiber)

Lalou, J.- C. & Wenger, R. (1991): In den Höhlen der Welt.- Lausanne (Mondo)

Dokumentation zum Naturdenkmal 4/21 »Linsemerhöhle« bei Bartholomä (Blatt 7225 Heubach)

1 Einleitung

Diese Dokumentation setzt sich mit der als Naturdenkmal 4/21 ausgewiesenen »Linsemerhöhle« bei Bartholomä auseinander.

Verfaßt wurde dieser Bericht von der Höhlenkundlichen Arbeitsgemeinschaft Rosenstein / Heubach e.V. auf Veranlassung des Landratsamtes Ostalbkreis, dem die Zerstörung dieser bedeutenden Höhle mitgeteilt worden ist.

Die Dokumentationslage ist relativ dürftig, da die Höhle nur in den 1960er Jahren von Höhlenkundlern bearbeitet worden ist und die überlieferten Berichte lediglich den damaligen Kenntnisstand widerspiegeln.

Eine umfassende Untersuchung mit zeitgemäßen Methoden durch die Höhlenkundliche Arbeitsgemeinschaft Rosenstein / Heubach e.V. war nicht möglich, da bereits in den späten 80er Jahren die Verschüttung der Höhle so weit fortgeschritten war, dass ein Betreten der horizontalen Höhlenteile nicht mehr möglich war.

Auch ging die Dokumentation mittlerweile verloren, die von den Naturschutzbehörden um 1980 im Zusammenhang mit der Ausweisung zum Naturdenkmal erstellt worden ist.

Die verbliebenen Dokumente, bisher z.T. unveröffentlicht, sowie die Resultate der eigens durchgeführten Erhebungen, werden hiermit erstmals zusammengefaßt und sollen einen Überblick über die Linsemerhöhle und deren natur- und höhlenkundliche Bedeutung geben.

2 Lage

Die Linsemerhöhle liegt im Wald »Linsemer«, ca. 1,7 km W Rötenbach, westlich des Wanderweges von der »Rauhen Wiese« zu den »Drei Linden«. Etwa auf halber Wegstrecke liegt ein aufgelassener Steinbruch, neben dem eine verfallene Holzhütte steht. Dort führt ein undeutlicher Holzabfuhrweg nach SW den Hang hinauf, den man nach etwa 100 m Richtung S verlässt. Nahe eines weiteren Weges liegt der Eingang der Höhle, dessen Koordinaten lauten R: 3569 250, H:5400 275, NN: 715.

Die Linsemerhöhle ist unter der Nummer 7225/18 im Höhlenkataster Schwäbische Alb registriert.

Lageplan Linsemerhöhle

3 Beschreibung

Das Mundloch wird von einer trichterförmigen Doline gebildet, die an der Erdoberfläche einen Durchmesser von rund 2,5 m aufweist und die sich nach unten hin auf etwa 1,5-2 m verengt. Hier führte ein ursprünglich 12 m tiefer Schacht mit leicht elliptischem Profil senkrecht in die Tiefe, der sich nach unten erweiterte und etwa mittig die Decke eines Horizontalgangs durchbrach.

Dieser Gang wies eine horizontale Ausdehnung von 16 m auf und verlief in nahezu E-W-Richtung. Die Gangquerschnitte waren überwiegend durch ein Kastenprofil mit Weiten von 0,8 bis 2 m und Höhen von 1 bis 4 m gekennzeichnet.

Im westlichen Gangast führte ein Kamin 10 m nach oben, der fast die Erdoberfläche erreichte.

Bemerkenswert waren noch die schönen Kristallrasen in diesem Höhlenteil, die im Profil 3 des Höhlenplans eingetragen sind.

Die Bodenfüllung der Höhle bestand teilweise aus Felsblöcken, überwiegend aber offensichtlich aus lockerem, feinklastischen Material wie Höhlenlehm. Dieses Material verschloss anscheinend den Höhlengang an beiden Enden.

Diese Beschreibung stützt sich auf Bleich (1966) und Kreuz (1969-71).

Höhlenplan Linsemerhöhle

Höhlenplan (aus Bleich 1966, Taf. 2D).

4 Geologie und Mineralogie

Die Linsemerhöhle liegt im Massenkalk, in den zahlreiche Kieselknollen eingeschaltet sind, was für eine stratigraphische Zuordnung zum Malm epsilon (oberes Kimmeridgium) spricht. Soweit sich dies im heutigen Zustand beurteilen lässt, ist der Kalk teilweise dolomitisiert, was sich gut mit dem Befund von Merz (1969: 30) deckt.

Über die Genese der Höhle kann aufgrund der dürftigen Informationslage nur spekuliert werden. Aufgrund des Plans kann vermutet werden, dass es sich um eine trocken gefallene frühere Bachhöhle handelt, wofür auch der im Plan eingezeichnete Höhlenlehm spricht.

Der Horizontalgang der Höhle verläuft auf einer Meereshöhe von ziemlich genau 703 m ü. NN, womit die Höhle einem sehr alten Karstniveau zugerechnet werden muß. Dies ist insofern bemerkenswert, da nur rund ein Viertel aller erfaßten Höhlen im Blatt 7225 Heubach auf 700 oder mehr Metern Höhe liegen und dieser alten Höhlengeneration zugehören.

Gemäß Dongus (1962, Abb. 5) ist das Niveau der Höhle der »Hauptoberfläche B« zuzuordnen. In die Hauptoberfläche B hat sich im Mittleren Miozän (vor ca. 15 Mio. Jahren), in einer prä-riesischen Epoche, das Hochtalsystem der »Ochsenbergstufe« eingetieft. Die Linsemerhöhle wäre demnach spätestens in dieser Epoche trocken gefallen und weist ein bemerkenswert hohes Alter auf. Angesichts der in den letzten Jahren neu angefachten Diskussion um das Alter der tiefreichenden Verkarstung scheint eine sorgsame Untersuchung der Linsemerhöhle wünschenswert zu sein.

Zur Beantwortung der Frage nach dem Alter der Höhle kann auch der Höhlenlehm herangezogen werden, der häufig anhand der Korngrößenverteilung der Tonpartikel, des Schwermineralspektrums, des Anteils an Mikrofossilien und dem Gehalt an Pollen wertvolle Fingerzeige liefern kann. Exemplarisch sei zu diesem Themenblock auf die Arbeit vonHinkelbein et al. (1991) verwiesen.

Eine interessante Kleinformation waren auch die bereits angesprochenen Kristallbildungen im westlichen Höhlenteil.

5 Biologie

Keine Informationen vorhanden.

6 Sonstige Beobachtungen

Kreuz (1969-71) vermerkt in der Tagebuchnotiz zu seinem Besuch in der Linsemerhöhle am 27.05.1971 den Fund von acht Patronen MG-Leuchtspurmunition Kal. 7,62 am Schachtboden.

7 Höhlenschutz

7.1 Istzustand

Der 1966 publizierte Höhlenplan (Bleich 1966) zeigt an der Sohle des Schachts einen kleinen Versturzkegel, der wohl natürlich durch sich ablösende Steine im Bereich des Schachtmundes entstanden ist.

Bereits im Jahr 1971 aber erwähnt Kreuz zahlreiche Baumstämme und Holzstangen am Grunde des Schachts, die es den Forschern erschwerten, in den horizontalen Höhlengang hindurchzuschlüpfen.

Anfang der 1980er Jahre fanden Mitglieder der Höhlenkundlichen Arbeitsgemeinschaft Rosenstein / Heubach e.V. noch die gleiche Situation vor.

Bei einem erneuten Besuch im Herbst 1987 lag bereits soviel Holz und Erdreich (Bauaushub?) am Schachtgrund, dass der Durchstieg in den Horizontalgang vollständig blockiert war.

Abstieg in die Linsemerhöhle 1987

Eine weitere Ortsbesichtigung durch ein Team der Heubacher Höhlenforscher zeigte, dass sich an diesem Zustand bis 1994 wenig geändert hatte.

Am 03.10.1998 erlebten zwei Mitglieder der Höhlenkundlichen Arbeitsgemeinschaft Rosenstein / Heubach e.V. bei einer Kontrollbesichtigung eine böse Überraschung: Der Schacht war bis auf die Eingangsdoline vollständig mit Erdreich / Bauaushub aufgefüllt!

Die verbleibende Resttiefe des einstmals 12 m tiefen Schachts betrug zu diesem Zeitpunkt also nur noch 2 m!

Über die Zusammensetzung des Füllmaterials im Schacht kann keine konkrete Angabe gemacht werden, da zumindest die oberste Schicht sorgfältig mit Erdreich abgedeckt worden ist, aus dem einige Holzteile ragten. Vermutlich wurde der Schacht zur »Entsorgung« von Holzabfällen und Baustellenaushub benutzt, wobei natürlich nicht gesagt werden kann, ob doch auch toxische Materialien in die Höhle verbracht worden sind.

Anbetracht der Proportionen der Höhle kann davon ausgegangen werden, dass mindestens 24 m³ Abfall unbekannter Art und Herkunft in der Höhle lagern. Bei entsprechend feinteiligem Material ist es durchaus vorstellbar, dass auch der Horizontalgang ganz oder teilweise mit nachrutschendem Abfall verfüllt worden ist, wodurch das Volumen insgesamt 40 m³ und mehr betragen kann.

Die Zerstörung der Höhle befremdet insofern ganz besonders, da sie seit 1983 als Naturdenkmal ausgewiesen ist und unter besonderem Schutz steht. Wie bereits gezeigt, lag die Hauptphase der Zerstörung nach 1994, als auch die Neufassung des baden-württembergischen Landesnaturschutzgesetzes in kraft getreten war, das Höhlen explizit als schützenswürdige Lebensräume versteht.

Sehr wahrscheinlich wurden auch die Bestimmungen über Abfallbeseitigung bei der Auffüllung der Höhle übertreten.

7.2 Sollanalyse

Angesichts des hohen wissenschaftlichen Wertes der Höhle, der in den vorangestellten Abschnitten angedeutet wurde, und um die potentiellen Risiken zu klären, die von den eingebrachten Abfällen ausgehen können, fordert die Höhlenkundliche Arbeitsgemeinschaft Rosenstein / Heubach e.V. nachdrücklich die Sanierung der Linsemerhöhle!

Die Chancen, die Höhle in einen naturnahen Zustand überzuführen, stehen insgesamt relativ günstig, sofern sich unter den Verunreinigungen keine flüssigen bzw. die Höhlensedimente dauerhaft kontaminierenden Substanzen befinden. In diesem günstigen Fall können die eingebrachten Materialien manuell abgegraben und aus der Höhle geschafft werden.

Die Höhlenkundliche Arbeitsgemeinschaft Rosenstein / Heubach e.V. kann sich um die praktische Umsetzung dieser Aufgabe bemühen, wobei der Umfang der zu bewerkstelligenden Arbeit, die anfallenden Kosten und die technische Organisation am Besten vor Ort durch ein Gespräch mit allen Beteiligten geklärt wird.

Literatur

Bleich, K. E. (1966): Zur Altersfrage der Verkarstung und ihrer Phänomene.- Jh. Karst- u. Höhlenkde., 6: 29-50, 15 Abb., 1 Tab., 5 Taf.; München.

Dongus, H. (1962): Alte Landoberflächen der Ostalb.- Forsch. dt. Landeskde., 134: 1-71; Bad Godesberg.

Hinkelbein, K. & Papenfuß, K. & Ufrecht, W. & Wolff, G. (1991): Holozän umgelagerte Sedimente in der Falkensteiner Höhle – Stellungnahme zu einem Beitrag von HASENMAYER (1991).- Laichinger Höhlenfreund, 26 (2): 103-110; Laichingen.

Kreuz, R. (1969-71): Befahrungen und Vermessungen.- Unveröff. Tagebuch (Mskr.); Schwäbisch Gmünd.

Merz, E. (1969): Die Geologie des Blattes Heubach (Nr. 7225), östliche Hälfte (1: 25000).- Diplomarbeit Uni Stuttgart (Mskr.); Stuttgart.

Die „Schatzkammerhöhle“, wie es weiterging

Kurze Übersicht über die bisherigen Maßnahmen zum Schutz der Höhle.

Nach div. Telefongesprächen fand am 19.01.99 eine Ortsbesichtigung im Steinbruch statt, bei der zwei Mann von der Geschäftsleitung des Steinbruchs, der Bürgermeister der betroffenen Gemeinde, mehrere Leute vom Landratsamt, Dr. Schloz vom geologischen Landesamt (GLA) BaWü und zwei Vertreter der Höhlenkundlichen Arbeitsgemeinschaft Rosenstein / Heubach e.V. (Novak, Schuster) anwesend waren. Der gleichfalls geladene Vertreter des Landesverbandes für Höhlen- und Karstforschung e.V. konnte leider nicht teilnehmen. Obwohl die Heubacher Höfos schon 20 min. vor dem avisierten Termin am Schauplatz eintrafen, waren die anderen Teilnehmer noch früher da und hatten bereits in kleinen Grüppchen die Höhle befahren. Dadurch war der Anfang des „Meetings“ etwas unkoordiniert, trotzdem verlief das Gespräch dann aus Sicht des Höhlenschutzes sehr befriedigend.

Der Steinbruchbetrieb hat die Grenzen seines „Claims“ schon fast überall erreicht. Der weitere Vortrieb kann nur noch in einer Richtung erfolgen, d.h. die Abbaufront entfernt sich sogar wieder von der Höhle, so dass auch die Geschäftsleitung recht gute Chancen sieht, die Höhle zu schonen. Nach der Höhlenbefahrung äußerten sich sowohl die Repräsentanten der Naturschutzbehörde als auch des GLA positiv über den Wert der Höhle, die aufgrund ihres Sinterschmucks nicht alltäglich für die Region ist. Die Entscheidung, ob die Höhle als Naturdenkmal ausgewiesen werden kann/ muß, steht aber noch aus. Dr. Schloz pflichtete meiner Auffassung bei, dass eine radiometrische Altersbestimmung der beiden Tropfsteingenerationen erfolgen sollte und empfahl deshalb wenigstens die zeitweilige Erhaltung der Höhle, damit die weitere Dokumentation durchgeführt werden kann. Um die Schatzkammerhöhle vor dem Zugriff von Mineraliensammlern zu schützen und um die Luftdetonationen der Sprengungen abzudämmen, wird der Eingang erst einmal mit großen Blöcken zugeschoben, worum sich der Steinbruchbetreiber kümmern wird. Sobald der Abbau etwas weiter vom Loch weggewandert ist und das weitere Forschungsprogramm „steht“, wird die Höhle wieder aufgebuddelt und die nötigen abschließenden Arbeiten durchgeführt. Mit diesem provisorischen Maßnahmenkatalog konnten sich schließlich alle Anwesenden anfreunden.

Einen ziemlich bitteren Nachgeschmack hatte der Ortstermin aber dennoch. Es stellte sich heraus, dass am letzten Wochenende Mineraliensammler die Höhle gefunden haben müssen und so sah es darin auch aus. Der schöne Stalagmit am Eingang- spurlos verschollen. Die Säule rechts- plattgemacht. Die fast meterlangen Stalaktiten und Teile der glasklaren Sinterfahne- von der Decke geschlagen oder mit Steinen heruntergeworfen. Die „Tannenzapfen- Stalaktiten“ ganz hinten- es war einmal. Das war einer jener Augenblicke, an denen sich im Gehirn des Höhlenforschers fiese, aber herzerfrischende Folter- Phantasien abspielen.

Der Verschluß der Höhle mit Steinen soll Anfang nächster Woche stattfinden. Um aber am kommenden Wochenende weitere Besuche von Randalierern und Mineraliensammlern zu verhindern, werden Mitglieder der Arge Rosenstein den Höhleneingang bewachen; der Besitzer stattete uns mit den nötigen Vollmachten hierfür aus. Das auch als Warnung an die Horden von schwarzen Schafen, die diese eventuell diese Webseite lesen… :-)

Sprengarbeiten im Steinbruch: Inwiefern die von den Sprengungen angeregten elastischen Wellen eine Gefahr für den Sinter darstellen, konnte uns auch der Sprengtechniker des Steinbruchs nicht sicher sagen. Bei der Entdeckung der aufgesprengten Höhle war der Sinter jedenfalls noch *völlig* intakt. Die hintere Sinterwand weist einen Querbruch auf, der jedoch vollständig mit Calcit verheilt ist und deshalb sicher ein höheres Alter aufweist, d.h. schwerlich anthropogen bedingt ist. Der Betrieb hat uns aber vorsichtshalber versprochen, die Höhe der Abbausäulen und damit die Dosis des Sprengstoffs zu verkleinern.

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Die „Schatzkammerhöhle“, ein akut gefährdeter Karsthohlraum

Vorbemerkung: Das nachfolgende Dokument stellt die leicht gekürzte Fassung des Dossiers dar, das dem Amt für Naturschutz im Landratsamt Ostalbkreis sowie dem Arbeitskreis Naturschutz Ostwürttemberg am 04.01.1999 vorgelegt worden ist. Wir bitten alle Höhlenforscher, die bereits Erfahrungen mit Höhlenschutzprojekten in Steinbrüchen gesammelt haben, um Informationsaustausch.

Am 02.01.1999 entdeckten Mitglieder der Höhlenkundlichen Arbeitsgemeinschaft Rosenstein / Heubach e.V. im Steinbruch am [Lageangabe gelöscht] eine neue Höhle, die nach Ansicht der Bearbeiter eine in der Umgebung einzigartige Naturbildung darstellt, deren Erhalt sichergestellt werden muß. Die Gründe werden nachfolgend dargelegt.

Lage:

[Lageangaben aus Höhlenschutzgründen gelöscht]

Beschreibung:

Das sieben Meter breite und rund zwei Meter hohe Portal der Höhle ist größtenteils mit Erde und Sprengschutt zugeschoben, so dass zwischen der Oberkante des Schutthaufens und dem First der Höhle nur noch rund ein Meter Raum verbleibt. Man muß deshalb von der Abbausohle zunächst einen Erdhügel von etwa drei Metern Höhe erklimmen, um in die Höhle zu gelangen. Im Innern der Höhle fällt der künstlich angehäufte Boden rasch ab, so dass nach wenigen Metern bereits Raumhöhen von bis zu vier Metern erreicht werden. Die Höhle besteht im wesentlichen aus einem hallenartigen Raum von zehn auf sieben Metern Grundfläche, der durch drei große Versturzblöcke sowie Tropfsteine zweigeteilt ist.

Bereits im Eingangsbereich ragen zahlreiche Stalagmiten von bis zu einem Meter Höhe aus dem künstlich aufgeschütteten Sediment. Nahe der südlichen Wand steht auch eine filigrane Tropfsteinsäule von beinahe zwei Metern Höhe. Die großen Versturzblöcke sind fast vollständig mit weißen Tropfsteinvorhängen überzogen, aus denen wiederum etliche Kerzenstalagmiten emporragen. Über den Versturzblöcken ist der First ausgebissen und die Raumhöhe weitet sich auf bis zu vier Meter. Zahlreiche weiße Stalaktiten und glasartig- durchsichtige Sinterfahnen verzieren in diesem Bereich die Decke. Die nördliche Wand ist vor den Versturzblöcken großflächig versintert und auch die natürliche Höhlensohle besteht aus einer bis zu 20 cm mächtigen Sinterplatte.

Die Versturzblöcke können vorsichtig an der Südseite passiert werden, was wegen der großflächigen Versinterung mit viel Umsicht geschehen muß. Im hinteren Raumteil weitet sich die Höhle nach einem kleinen Wandaufschwung alkovenartig. Eine „Tropfsteinorgel“ sowie Tannenzapfen- Stalaktiten und Knöpfchensinter schmücken diesen Abschnitt der Höhle. Höhepunkt sind aber zweifellos drei durchsichtige Tropfsteinfahnen.

Dokumentation:

Die Höhle wurde am 02.01.1999 entdeckt und am gleichen sowie am darauffolgenden Tag bearbeitet. Die Daten für einen Höhlenplan im Maßstab 1:100 (Grundriß und zwei Profile) wurden eingemessen und der Höhleninhalt auf ca. 50 Diapositiven festgehalten. Des weiteren wurde die biologische und geologische Situation beurteilt. Eine Kopie des Zeichnungsentwurfs ist beigefügt, da die Reinzeichnung noch nicht fertiggestellt werden konnte.

Name:

Nach den Richtlinien des Internationalen Speläologen- Verbandes liegt das „Taufrecht“ bei den Entdeckern der Höhle. Diese einigten sich darauf, die Höhle wegen der Vielfalt an Tropfsteinformen unter dem Namen „Schatzkammerhöhle“ in ihren Unterlagen zu führen und im Höhlenkataster Schwäbische Alb einzutragen.

Geologie:

Die Höhle liegt wenige Meter über der Glaukonitbank, einem wichtigen stratigraphischen Horizont im Oberen Jura Südwestdeutschlands. Somit liegt der Hohlraum vollständig im Malm δ 4 (Mittelkimmeridge- Kalke), und zwar in der Schichtfazies.

Bemerkenswert sind die großen Versturzblöcke in der Höhle, die mit flächenhaftem Wandsinter überzogen sind. Der schräge Verlauf des Sinters zeigt an, dass die Versturzblöcke nach der Versinterung gekippt sind. Die darauf stehenden Stalagmiten sind jedoch senkrecht, was anzeigt, dass nach der Kippung eine jüngere Tropfsteingeneration auf der älteren gewachsen ist. Das Kippen der Blöcke könnte der Indikator für ein paläoseismisches Ereignis sein, dessen Auftreten innerhalb der Erdgeschichte mittels radiometrischer Untersuchungen an den beiden Tropfsteingenerationen zeitlich eingegrenzt werden könnte.

Biologie:

Mehrere Exemplare der Zackeneule (Scoliopterix libatrix) wurden festgestellt, ebenso einige Weberknechte (Opilionidae). Außerdem fanden sich an zwei Stellen Kotreste eines größeren Säugetiers. Dies zeigt an, dass trotz der kurzen Zeitspanne, vor der die Höhle beim Abbau des Gesteins angeschnitten und geöffnet worden ist, bereits eine Zuwanderung troglophiler Tierarten und die Besiedlung der Höhle begonnen hat.

Forderung nach Höhlenschutz:

Die Höhle weist einen Reichtum an Tropfsteinen auf, der in der ganzen Region einzigartig ist. Porzellanartig- durchscheinende Stalagmiten und glasklare Sinterfahnen können in keiner anderen Höhle des Blattes [gelöscht] gefunden werden. Auf die Möglichkeit, erdgeschichtliche Ereignisse anhand der Tropfsteine zu datieren, wurde schon hingewiesen.

dass durch den Anschnitt der Höhle ein neuer Biotop geschaffen wurde, haben die Bearbeiter ebenfalls aufgezeigt. Es besteht die gute Chance, dass auch die vom Aussterben bedrohten Fledermäuse im Laufe der Zeit die Höhle als Winterquartier akzeptieren werden. In einer Höhle in einem anderen Teil des Steinbruchs, wurden im Winter 1998/99 Fledermäuse gefunden. Der Lärm der Maschinen und der Sprengungen scheint die Tiere also nicht zu stören.

Aus diesen Gründen ist es notwendig, die Höhle in einem möglichst naturnahen Zustand zu erhalten. Dazu gehört als erster Schritt die rechtliche Unterschutzstellung, um zu verhindern, dass die Höhle zu Straßenschotter verarbeitet wird. Wie die Sinterreste an der Felswand vor der Höhle anzeigen, wurden bereits mindestens zehn Meter des Hohlraums abgebaut!

Als nächste Sicherungsmaßnahme müßte sowohl das Höhlenklima wiederhergestellt und die Höhle vor dem Zugriff von Touristen und Tropfsteindieben geschützt werden. Durch den künstlich gesprengten Eingang dringt die trockene Tagluft bis in die hintersten Höhlenteile vor, d.h. die Tropfsteinformationen trocknen aus und hören auf zu wachsen. Das bis weit nach hinten einfallende Tageslicht wird bald Algenschleier auf den Wänden gedeihen lassen, was die Tropfsteine ebenfalls zerstört. Außerdem wurden bereits jetzt Tropfsteine mit Hämmern abgeschlagen sowie mit schmutzigen Stiefeln zertreten.

Beide Sicherungsmaßnahmen könnten dadurch erreicht werden, indem zunächst die eingeschobene Erde wieder abgegraben wird. Dann sollte im Eingang eine Mauer hochgezogen werden, die intensive Luftzirkulation, Lichteinfall sowie Tourismus verhindert. Damit aber die Besiedlung des Biotops durch Tiere weiterhin vollzogen werden kann, empfehlen wir die Anbringung eines ca. einen auf einen Meter messenden Gitters mit waagrechten Stäben von jeweils zehn Zentimetern Abstand. Dann können Fledermäuse ungehindert einfliegen. Eventuell sollte das Gitter nicht starr, sondern mit Scharnier und Schloß eingebaut werden, damit eine Betreuung des Biotops durch Höhlen- und Fledermausforscher erfolgen kann.

Wie es bisher mit dem Schutz der Höhle weiterging