Grottes de Matata

Im Südwesten Frankreichs mündet die Gironde in einer breiten Mündungsbucht in den Atlantik. Kurz vor der Mündung, bei dem Örtchen Meschers, 13 Kilometer südöstlich von Royan, sind in der Kreideküste am rechten Ufer die Grottes de Matata zu finden. Es handelt sich dabei um vom Meer ausgespülte Höhlungen, die von Menschenhand später nachbearbeitet wurden. Da sie sich seit ihrer Entstehung im Zusammenhang mit der Auffaltung der Pyrenäen einige Meter gehoben haben, liegen sie heute in komfortabler Höhe über der breiten Flußmündung.

Mit der Ausrichtung nach Südwesten, der Trockenheit innerhalb der Höhlen und der unzugänglichen Lage dienten sie schon früh Menschen als Unterschlupf. Belegt sind die Besiedlung durch Araber um 730 unserer Zeitrechnung, die Verwendung als Zuflucht vor Wikingerangriffen um 844 und die Nutzung als Kultstätten durch die Protestanten, als deren Glaubensbekenntnis im katholischen Frankreich verboten war.

Heute besteht die Möglichkeit, in den Grotten zu übernachten, beziehungsweise eine 40-minütige Führung mitzumachen. Der Rundgang erschöpft sich hauptsächlich in kulturhistorischen Details, speläologische Neigungen werden nur am Rande befriedigt. Nicht uninteressant ist das ebenfalls in den Grotten untergebrachte Umweltmuseum der Flußmündung der Gironde. So war mir beispielsweise neu, dass in der Mündung der Gironde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eifrig nach Stör gefischt wurde, aus dem man Kaviar gewinnt. Leider fischte man wohl etwas zu eifrig, und auch die industrielle Entwicklung in Städten wie Bordeaux, das etwas weiter flussaufwärts liegt, trug mit den dadurch in den Fluss geleiteten Abwässern dazu bei, dass die Störe kurz vor dem Aussterben standen. Heute erholt sich die Population gerade wieder etwas, und man ist guter Hoffnung, dass sich die Störe hier bald wieder ungestört vermehren können.

Wen´s interessiert: Die Grottes de Matata sind von Februar bis November geöffnet, das Grottenhotel ist unter der Telefonnummer 0033 (0) 546 02 70 02 zu erreichen.

Die Cosquer-Höhle bei Marseille

Die außergewöhnlichen Malereien in zwei in letzter Zeit in Südfrankreich entdeckten Höhlen stellen die bisherigen Kenntnisse über die Entwicklung der Kunst in der Steinzeit in Frage. Die eine der Höhlen, die „Grotte Cosquer“ soll im Folgenden etwas näher besprochen werden1.

Schon 1985 entdeckte Henri Cosquer den Eingang zu der später nach ihm benannten Höhle, doch erst lange nachher wurde die ganze Bedeutung dieses Fundes erkannt. Im Sommer 1991 entdeckte er nämlich auf einem Dia den ersten negativen Handabdruck. Daraufhin fand im Juni 1992 die erste wissenschaftliche Befahrung der Höhle statt. Sie hatte zum Ziel die Wandmalereien in Augenschein zu nehmen, Kohlestückchen zur Datierung aufzufinden, die Objekte und Strukturen des Bodens aufzunehmen und erste geologische Untersuchungen anzustellen.

Die zweite Phase der wissenschaftlichen Erforschung zog sich wegen der ungünstigen Witterung von Herbst 1994 bis Ende Dezember 1994 hin. Der Zugang zur Höhle war ohnehin schon schwer genug. Ein 150 Meter langer Schlauchtunnel führt 37 Meter unter dem Meeresspiegel in die Höhle, deren Eingang sich etwa 50 Meter von der Küste entfernt im Meer befindet und inzwischen, um das einmalige Kulturdenkmal in der Höhle zu schützen, von Tauchern der französischen Marine zugemauert wurde2. Trotzdem konnten folgende Vorhaben durchgeführt werden:

  • Die Einrichtung einer automatischen meteorologischen Station.
  • Die photogrammetrische Aufnahme.
  • Die Aufnahme mit dem Laser-Scanner „Soisic“, die es erlaubte eine dreidimensionale virtuelle Rekonstruktion der Höhle zu erstellen.
  • Die vollständige photographische Dokumentation der Wandmalereien.
  • Parallel dazu fand die vollständige Kartierung auch der unter Wasser gelegenen Teile der Höhle durch die beiden Taucher Thierry Betton und Luc Vanrell statt.

Im Lauf der Erforschung stellte es sich heraus, dass der wahrscheinlich bedeutendste Teil der Wandmalereien unglücklicherweise durch den Anstieg des Meeresspiegels vernichtet wurde. Zur Entstehungszeit der älteren Malereien lag der Meeresspiegel etwa 120 Meter tiefer Der Wasserstand war in der Höhle nie höher als heute, dadurch wurden in den bisher noch nicht überschwemmten Teilen die Spuren des Menschen der Steinzeit in einzigartiger Weise erhalten. Zahlreiche Spuren lehmverschmutzer Finger an den Wänden, zu Kugeln geformte und durch mit den Fingern gezogene Linien verzierte, danach jedoch weggeworfene Lehmbatzen, Spuren von schmutzigen Fingern auf der Mondmilch, das alles erweckt den Eindruck als sei der Platz von den Künstlern erst vor wenigen Tagen verlassen worden, tatsächlich dürfte Henri Cosquer aber der erste Mensch seit tausenden von Jahren gewesen sein, der sich dort aufhielt.

Nach den bisherigen Erkenntnissen fand die künstlerische Gestaltung der Höhle im wesentlichen in zwei Zeiträumen statt. Der ersten Phase, vor etwa 27000 Jahren und von noch unbestimmter Dauer, werden die zahlreichen Fingerspuren an den Wänden und die negativen Handabdrücke zugeordnet. Es wird auch vermutet, dass einige Tiere, hauptsächlich Pferde, und verschiedene geometrische Figuren in diese Epoche gehören, gesicherte Erkenntnisse liegen darüber jedoch nicht vor. Der Großteil der Kunstwerke stammt jedoch aus der zweiten Phase, von vor 18500 bis 19200 Jahren. Dabei sind nur ein Drittel aller Werke Kohlezeichnungen, bei der Mehrzahl (125 Einzelbildern) handelt es sich um Ritzzeichnungen. Auf den ersten Blick dominieren Pferdedarstellungen, gefolgt von Steinböcken und Gemsen sowie Bisons, Aurochsen und Rentieren.

„Die Tierzeichnungen in roter und schwarzer Farbe sind zu Jagdszenen gruppiert. (…) Die Zeichnungen haben einen anderen künstlerischen Stil als die bisher bekannten Steinzeit-Höhlenmalereien in Südwestfrankreich und Nordspanien. Die Pferde sind mit wehender Mähne dargestellt. Hirsche und Wisente sind erstmals nicht nur im Profil gezeichnet. Vielmehr wenden sie ihren Kopf in einer Drei-Viertel-Drehung dem Betrachter zu.“3 Eine der Besonderheiten stellen die Zeichnungen von Seehunden und Pinguinen dar. Auffällig sind auch mehrere geometrische Formen – Rechtecke mit aufgesetzten Dreiecken – die uns bisher so nur aus einem Heiligtum im Ural, nämlich der Kapova-Höhle bekannt waren. Die dortigen Zeichnungen werden jedoch auf ein Alter von etwa 14.000 Jahren geschätzt4. Diese geometrischen Figuren werden als Symbole einer Religion der Steinzeit-Menschen interpretiert. Besonderes Aufsehen erregte auch die Figur eines Mannes, der von einem Pfeil durchbohrt wird. „Bislang war man sich unter Steinzeitexperten einig, dass ein Pfeil in einer Wandmalerei als Ausdruck der Lebenskraft der gezeichneten Wesen gilt. Doch dieses Bild aus der Cosquer-Höhle bei Marseille ist nach den Untersuchnungen der Archäologen Jean Courtin und Jean Clottes augenscheinlich eine sehr frühe Gewaltdarstellung …“5

Nachbemerkungen

Die für den Artikel verwendete Literatur ist ab sofort im Vereinsheim der Arge Rosenstein jedem noch näher Interessierten zugänglich. Vor gut einem halben Jahr erschien im Verlag LeSeuil das Buch „La Grotte Cosquer“, in dem die Höhle und ihre Malereien ausführlich dargestellt werden. Die deutsche Ausgabe erschien ebenfalls bei Thorbecke und kostet leider 86 Mark. In allen benutzen Artikeln finden sich Bilder der Höhlenmalereien, die Artikel können im Vereinsraum eingesehen werden. Bei Virginie Contamine bedanke ich mich herzlich für die Hilfe mit dem französischen Originaltext.

Fußnoten

  1. Dabei stütze ich mich im wesentlichen auf den Artikel von Jaques Colina-Girard: La grotte Cosquer et les sites paléolithiques du littorial marseillais (entre Carry-le-Rouet et Cassis), in: Méditerranée, Nr.3/4, 1995, S.7-19, S.8. Die andere bemerkenswerte Höhle wird in dem Buch „Grotte Chauvet“ von Jean-Marie Chauvet, Éliette Brunel Deschamps und Christian Hillaire aus dem Thorbecke-Verlag (ISBN 3-7995- 9001-3) ausführlich besprochen.
  2. Bartsch, Hans: Eine Felsengrotte voller Steinzeit-Kunst, in: Rems-Zeitung, 25.10.1991
  3. Schröder, Eggert: Die geheimnisvolle Grotte bei Marseille, in: Berliner Morgenpost, 3.11.1991, S.64
  4. Birchall, Jim: Prehistoric art of Kapova Cave, Russia, in: The International Caver Magazine, Heft 16/1996, S.12-14
    (Auch erschienen in Birchall, J. & Richardson, M.: Russian cave art.- Caves & Caving66. Anm. R. Schuster)
  5. Siefer, Werner: Graffiti aus der Steinzeit, in: Focus, Heft 21/1994, S.142-146, S.143