Nachträge zur Mineralogie der Todsburger Höhle (Kat.- Nr. 7423/11), Schwäbische Alb

Vorbemerkung

Der vorliegende Artikel war ursprünglich als Nachtrag zu bereits veröffentlichten mineralogischen Untersuchungen (SCHUSTER 1992) in der Todsburger Höhle geplant. Er basiert auf Geländearbeiten, die schon im Sommer 1992 durchgeführt und zur Veröffentlichung in einer süddeutschen karstkundlichen Schriftenreihe eingereicht worden waren. Diese Zeitschrift ist jedoch nie erschienen und um zu verhindern, dass die gewonnenen Erkenntnisse verloren gehen, legt der Verfasser den Bericht nun hier der Öffentlichkeit vor. Leider fielen die Originale der beiden Infrarot- Spektren, auf die im Text bezug genommen wird, der Redaktion jener ursprünglichen Zeitschrift zum Opfer und können nicht mehr ohne weiteres rekonstruiert werden. Der Text enthält jedoch glücklicherweise eine schriftliche Auswertung, so dass der Verlust verschmerzbar ist.

Zum besseren Verständnis werden außerdem einige Hinweise aus dem bereits publizierten ersten Teil (SCHUSTER 1992) kurz wiederholt.

1. Einleitung

1990 und 1991 waren aus der Todsburger Höhle Mineralproben entnommen und analysiert worden. Besonders musste ein Mineralgemenge hervorgehoben werden, das in Form eines schwarzen, pastösen Überzuges an einer Stelle der Höhle auf der Bodensinterschicht aufsitzt. Naßchemische Untersuchungen wiesen in diesem Gemenge Calcit und Eisenoxidhydrate nach. Dazu kommen unlösliche Bestandteile, die zunächst als Quarz und Korund angesprochen wurden, mengenmäßig jedoch nicht mehr quantifiziert werden konnten.

Mit rund 37 % stellen organische Stoffe unbekannter Zusammensetzung einen weiteren erheblichen Massenanteil dar. In der Anhand der Analyse hergeleiteten Theorie zur Entstehung dieses Mineralgemischs, spielt die organische Komponente eine zentrale Rolle, nach der dreiwertiges Eisen durch diese Substanzen zu einer zweiwertigen, wasserlöslichen Form reduziert wurde (SCHUSTER 1992).

Am 18.07.1992 zogen M. Feth und der Verfasser in der Todsburger Höhle letztmalig eine kleine Probe der mineralischen Substanz. Die Ergebnisse der Auswertung vermögen einige der Lücken zu schließen und auch die Entstehungstheorie kann an einigen Punkten verfeinert werden.

2. Entnahmepunkt

Die Fundstelle des Mineralgemenges liegt in einem der niedrigen Seitenteile, die den Hauptgang der Todsburger Höhle über weite Strecken begleiten. Etwa auf der Höhe der ersten Wasserpfütze nach der Eingangshalle, kann man rechts (S) in eine solche nischenartige Seitenpassage hineinschlufen, die sich auf einer Querkluft entwickelt hat. Hier überzieht der schwarze Belag mehrere Quadratmeter Bodenfläche.

Im ersten Augenblick wurde dieser Überzug spontan als Fackelruß interpretiert, jedoch nach der Überlegung, warum das Material nur den Boden bedeckt, die Decke aber sauber ist, wurde die Neugier der Bearbeiter geweckt und Probensubstanz entnommen.

3. Labormethoden

3.1. Frühere Untersuchungen

1991 wurden bereits Tests durchgeführt und deren Ergebnisse als erster Zwischenbericht 1992 von SCHUSTER publiziert. Dabei stellte sich heraus, dass ein großer prozentualer Anteil der Probenmasse in Mineralsäuren löslich ist. In der Lösung wurde Calcium durch komplexometrische Titration bestimmt, dreiwertiges Eisen durch Spektralphotometrie und gleichfalls komplexometrisch der Versuch geführt, Magnesium nachzuweisen. Letzteres verlief negativ. Die Titrationstechniken sind in A.A. (o.J.) detailliert beschrieben.

Die schwarzen, farbgebenden Massen jedoch stellten sich als säureunlöslich heraus und wurden zur Weiterverarbeitung abfiltriert und bei rd. 900°C und Zutritt von Luftsauerstoff geglüht. Die Rückstände verflüchtigten sich dabei fast vollständig und zurück blieben kleine Mengen weißer und hellgrauer Mineralkörnchen mit z.T. großer Härte. Daraus folgt, dass die schwarze Substanz offensichtlich eine Kohlenstoffverbindung organischer Natur ist.

Aufgrund der Tatsache, dass die Probe Eisen enthält, das in seiner vorliegenden, dreiwertigen Form sehr schwer in Wasser löslich ist und also ein spezieller Transportmechanismus vorgelegen haben muss, damit das Eisen dennoch in das Höhlensediment gelangen konnte, wurde darüber nachgedacht, ob ein Zusammenhang mit der organischen Substanz bestehen könnte. Die späteren Untersuchungen, die der eigentliche Bestandteil dieses Aufsatzes sind, scheinen dies zu belegen.

3.2. Aktuelle Untersuchungen

Um detaillierten Aufschluß über den Mineralbestand in der Probe zu erhalten, fiel die Wahl des Analysenverfahrens auf die infrarotspektroskopische Standardmethode für Feststoffe.

Die z.T. chemisch aufbereiteten Proben, bei rd. 100°C getrocknet, wurden jeweils mit einem etwa zehnfachen Massenüberschuß von trockenem Kaliumbromid p.a. in einer hydraulischen Presse unter Vakuum zu klaren Tabletten verdichtet. Diese Preßlinge konnten dann teilweise in herkömmlichen IR-Spektrometern durchgemessen werden, wozu die erhaltenen Spektren manuell auf Übereinstimmung mit Vergleichsspektren von Reinsubstanzen geprüft wurden; teilweise war es auch möglich, die Probanden auf dem Laser-IR aufzuscannen und die Transmissionskurven per Computerdatenbank automatisch mit Vergleichsmaterial zu überlagern.

Zur Feinuntersuchung der organischen Stoffe, wobei besonderes Interesse dem Nachweis funktioneller Gruppen galt, die Eisenverbindungen reduzieren können, kam versuchsweise die Dünnschichtchromatographie zum Einsatz.

Als Elutionsmittel kamen drei verschiedene Gemische mit unterschiedlich ausgeprägter Polarität zur Anwendung:

  • Toluol/ Ethanol/ Ammoniak- Gemisch
  • Toluol/ Ameisensäure/ Diethylether- Gemisch
  • Petrolether/ Diethylether- Gemisch

Nachdem die Proben auf die DC- Platten aufgetragen waren, ließ man im Entwicklungstank, z.T. mehrmals, das Fließmittel bis knapp unter die Oberkante aufsteigen und nach dem Trocknen wurden die Chromatogramme zur Detektion der evtl. vorhandenen Spots mit den Sprühreagenzien Platinat, Ninhydrin, Echtblau B und Diethylaminobenzaldehyd behandelt (TREIBER 1984).

Eine Identifizierung einzelner Verbindungen ist nach dieser Methode unmöglich, jedoch konnte prinzipiell durch die unterschiedlichen Rf– Werte eine Auftrennung in verschiedene Substanzzonen erwartet werden, in denen sich funktionelle Gruppen besser als in der Mischung, mit ihren sich gegenseitig störenden Komponenten, nachweisen lassen.

4. Ergebnisse

4.1. Auswertung der IR-Spektrogramme

Es wurde zunächst von einer unbehandelten Probe ein Spektrogramm aufgezeichnet, das die Werte der IR- Transmission gegenüber der Wellenzahl (cm-1) wiedergibt. Schon die chemische Analyse hatte für Calcit einen Massenanteil von knapp zwei Dritteln in der Mineralmischung ausgewiesen (SCHUSTER 1992: 70); dieser Sachverhalt findet im Spektrum seinen Niederschlag in Form der sehr intensiven Absorptionsbanden des Calciumcarbonats.

Als charakteristisch sind die Peaks bei den Wellenzahlen 3400 cm-1, 2900 cm-1, 2500 cm-1, 1790 cm-1, 870 cm-1, 710 cm-1 und ganz besonders bei 1430 cm-1 hervorzuheben. Damit wird unverkennbar Calcit angezeigt.

Daneben tritt jedoch auch Absorption im Bereich 3500- 3700 cm-1 und vor allem bei 1040 cm-1 auf, die nicht dem Kalkspat zuzuschreiben ist.

Da die CaCO3– Banden die übrigen Peaks zu stark überdecken, wurde in einer weiteren Probe der Calcitanteil durch milde Säurebehandlung entfernt und nur der unlösliche Rückstand spektroskopiert. Das hieraus resultierende Spektrum konnte in der Mehrheit aller Punkte mit einem Vergleichsspektrum des SiO2 (Quarzsand) aus der Datenbank in Einklang gebracht werden. Als Charakteristika gelten die Peaks bei 3500 cm-1, 2950 cm-1, 2880 cm-1(schwach ausgeprägt), 2350 cm-1, 1650 cm-1 1040 cm-1 (hier handelt es sich um den sehr intensiven Peak, der auch im Spektrum der unbehandelten Probe auftritt) und 700 cm-1. Damit ist das bereits vermutete Vorkommen von Quarz gesichert.

Allerdings treten im Verlauf der Spektralkurve der Probe zusätzliche Peaks auf, die sich im Quarz- Vergleichsspektrum nicht wiederfinden lassen. Es handelt sich um die Absorptionslinien bei 3700 cm-1, 3600 cm-1, 900 cm-1 und 800 cm-1. Durch ein entsprechendes Vergleichsspektrum konnte damit darüber hinaus noch Kaolinit identifiziert werden.

4.2. Auswertung der Dünnschichtchromatogramme

Die in die Dünnschichtchromatographie gesetzten Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Der Versuch, die organischen Komponenten aus der Probe abzutrennen und über Dünnschichtchromatographie weiter aufzuschließen, scheiterte an deren mangelhaften bzw. fehlenden Löslichkeit in den benutzten Elutionsmitteln. Darum brachte auch die Behandlung der entwickelten Platten mit Sprühreagenzien keine positiven Resultate.

5. Diskussion

Die IR-Spektroskopie konnte die Zusammensetzung der anorganischen, mineralischen Komponenten des Mineralaggregats, wie diese bereits aus den chemischen Analysenergebnissen schlußfolgert worden war, in praktisch allen Punkten bestätigen.

Während das Vorhandensein von Calcit schon nach der naßchemischen Untersuchung feststand, brachte erst die Spektralanalytik den gesicherten Quarz- Nachweis. Dieses Mineral war bislang nur aufgrund von extrem hitze- und säurebeständigen Kristallen, die in der Probe gefunden worden waren, vermutet worden. Dagegen stellte sich der Verdacht, dass auch Al2O3 mit enthalten sein könnte, als Irrtum heraus. Die IR- Spektroskopie lieferte keinerlei Anzeichen für Korund, dafür aber eindeutig für Kaolinit.

Kaolinit ist ein Vertreter der Tonminerale, ein Zweischichtsilikat mit der Zusammensetzung Al2Si2O5(OH)4. Es geht z.B. aus der Verwitterung von Feldspat hervor, wobei dieser Abbauprozeß in zwei Stufen abläuft:

Zunächst erfolgt durch die Einwirkung von Hydroxoniumionen die sogenannte „Entbasung“:

2 KAlSi3O8 + 2 H3O+ —> 2 HAlSi3O8 + 2 H2O + 2 K+

Durch Wasseranlagerung entstehen Kaolinit und Kieselsäure.

2 HAlSi3O8 + 5 H2O —> Al2Si2O5(OH)4 + 4 H2SiO3

Indes gilt es die Abhängigkeit der Löslichkeit von SiO2 und Al3+ vom pH- Wert zu beachten (Abb. 1). Im pH- Bereich 5- 9 liegt unlösliches Al(OH)3 vor, das bei Prozessen innerhalb dieser Grenzen der Mineralneubildung somit nicht zur Verfügung steht. Bei pH < 5 geht Al3+als Hexaquokomplex in Lösung, bei pH > 9 geht es in den löslichen Tetrahydroxoaluminat- Komplex über.

Löslichkeitskurven

Die Löslichkeit des SiO2 nimmt dagegen mit steigendem pH-Wert annähernd linear zu. Daher entstehen Si-ärmere Zweischichtsilikate wie Kaolinit bevorzugt bei tiefen pH- Werten, wo zwar viel Al3+ in der Lösung zur Verfügung steht, aber im Vergleich dazu ein SiO2– Unterschuß herrscht.

In diesem Zusammenhang ist auf die erste Reaktionsgleichung zu verweisen, aus der ersichtlich ist, dass die Feldspatverwitterung in Gegenwart von H3O+, also im sauren Bereich, abläuft. ZIECHMANN & MÜLLER- WEGENER (1990: 218) benennen einen „Silikat- Pufferbereich“, der zwischen dem Carbonat- Pufferbereich und dem Austauscher- Bereich liegt, also bei einem pH- Wert von ca. 5.

Darüber hinaus ist der Verwitterungsprozeß klimagesteuert; Kaolinit bildet sich bevorzugt unter feuchten und kühlen Bedingungen (siallitische Verwitterung). Leider liegen keine zuverlässigen Angaben vor, so dass es nicht möglich ist, anhand von bekannten Klimadaten eine Altersabschätzung zu treffen. Am ehesten kommt das Ende des Würm- Glazials als Entstehungszeitraum für diese Mineralmixtur in Frage (kühle bis kalte Witterung, jedoch genügend flüssiges Wasser, um die Verwitterung und Umlagerung in die Höhle zu bewerkstelligen). Diese Beobachtung deckt sich gut mit den radiometrisch gewonnenen Altersangaben des Sinters aus der Todsburger Höhle, der sich im Postglazial gebildet hat (FRANKE, MÜNNICH & VOGEL 1959): Das auf dem Bodensinter liegende Material mussjünger sein als der Sinter.

Bereits früher (SCHUSTER 1992) wurden in dem Mineralaggregat basische Eisenoxide durch naßchemisch- photometrische Untersuchungen nachgewiesen. Eine exakte Strukturanalyse war nicht möglich. Definitionsgemäß wurden die Eisenminerale als Limonitangesprochen. „Limonit“ ist ein Sammelbegriff für diverse Eisenoxide und -Hydrate wechselnder Konstitution. Meistens wird er mit der Formel FeOOH bzw. Fe(OH)3zusammengefaßt, was streng genommen nicht ganz richtig ist.

Von FeOOH sind zwei verschiedene Modifikationen bekannt: alpha – FeOOH oder Goethit und gamma – FeOOH oder Lepidokrokit. Ersteres ist auch als „Nadeleisenerz“, letzteres als „Rubinglimmer“ bekannt. Die Kristallformen beider Modifikationen sind aus den Abb. 2 und 3 (nach KLOCKMANN 1980: 553/ 554) ersichtlich. Lepidokrokit ist bei normalen Temperaturen metastabil und wandelt sich langsam in den weitaus häufigeren Goethit um. KLOCKMANN (1980 :553) teilt mit:
"Goethit mit seinen Varietäten ist ein typisches Produkt der Verwitterungszone (...) unter Einfluß von Humussäuren, gelöstes Eisen wird in dieser Form gefällt. (...) Limonit oder 'Brauneisenerz' schlechthin (...) besteht überwiegend aus Goethit."

Kristallform des Goethit

 

Kristallform des Lepidokrokit

Zur Erklärung der Entstehung der FeOOH-Ablagerungen wurde die Theorie herangezogen, dass Huminstoffe mit elektrophoben Gruppen (z.B. die Carbonyl- Gruppe) das Eisen des FeOOH zur zweiwertigen Form reduzieren, die durch das größere Löslichkeitsprodukt eine höhere Mobilität in Wasser besitzt und deshalb zur Umlagerung von der Erdoberfläche in die Höhle in Betracht kommt. Aus Abb. 1 geht hervor, dass die Löslichkeit von Eisen bei pH- Werten über 3 rapide abnimmt (Ausfällung von schwerlöslichem Fe(OH)3).

Die Analyse von Tropfwässern aus Höhlen ergab aber einen durchschnittlichen pH 7,4 (SIMMLEIT 1987: 31). Auch Karstgrundwasser aus dem Karbonatkarst hat einen annähernd neutralen pH- Wert; im Frankendolomit z.B. von 7,4 (FREVERT ET AL. 1982: 65). Das Löslichkeitsprodukt von FeOOH liegt bei diesem Wert nur bei 2,5 10-42 mol4 l-4 (nach KÜSTER 1985), so dass praktisch kein Transport von gelöstem Eisen stattfindet.

Die Kohlensäure alleine reicht keinesfalls aus, um pH 3 oder tiefer zu erreichen, auch dann nicht, wenn man den in der Bodenluft erhöhten CO2– Partialdruck berücksichtigt. Der Humusboden in Karbonatkarstgebieten enthält viel Kalk, welcher mit Kohlensäure ein leistungsfähiges Puffersystem bildet. ZIECHMANN & MÜLLER- WEGENER (1990: 216) berechnen den tiefsten möglichen pH- Wert des Bodenwassers mit 6,2. Die hier wiedergegebene Tabelle der beiden Autoren zeigt jedoch, dass durch die Pufferwirkung des CaCO3 die pH- Werte i.d.R. noch deutlich höher liegen.

Tabelle 1: pH- Werte in Abhängigkeit vom CO2– Partialdruck (aus ZIECHMANN & MÜLLER- WEGENER 1990: 216)

Böden CO2– Partialdruck [hPa]
0,3 1 10 100
Natriumboden 9,0 8,6 7,9 7,2
Boden mit 9 % CaCO3 8,3 8,0 7,4 6,7
CaCO3– freier Boden 6,9 6,7 6,4 6,0
dest. Wasser 5,7 5,4 4,9 4,4

Neben der Kohlensäure muss im Erdreich ein weiterer Protonendonator vorhanden sein, um die für die Eisenlösung idealen Säurewerte zu erreichen. Auch die Feldspatverwitterung läuft in saurem Milieu ab. "Durch das Überwiegen von Phenol- und Carbonylgruppen sind Huminsäuren echte Säuren, die einer Salzbildung fähig sind (Humate)"(ZIECHMANN & MÜLLER- WEGENER 1990: 52).

Dies verdeutlicht, dass die organischen Stoffe, deren Reste noch in dem Mineralgemenge mit einem Massenanteil von 37 % vorhanden sind, eine wesentlich bedeutendere Rolle für die Mineralbildung spielen, als ursprünglich angenommen. Sie sind nicht nurReduktionsmittel, sondern auch Puffersubstanz für die Eisenlösung und die Feldspatverwitterung.

Die nachgewiesenen Überreste im Mineralgemenge passen ganz ins Bild, denn derartige Zersetzungsprozesse sind in der Literatur beschrieben: "...doch ist ihre Wirkung begrenzt, da sie allmählich durch Mikroorganismen und Luftsauerstoffeinwirkung in CO2 und H2O umgewandelt werden" (RÖMPP, S. 1521).

Huminstoffe sind ausgeprägte Chelatbildner; d.h. sie bilden besonders mit Nebengruppenmetallen wie z.B. Eisen, lösliche Komplexverbindungen. In dieser Form können die Metalle leicht als Lösung transportiert werden. Die Inkohlungsprozesse nach der Ablagerung in der Höhle setzen das Metalloxid/ -hydroxid durch oxidative Zerstörung des Chelats wieder frei.

Zusammenfassend lässt sich formulieren, dass

  • die Existenz der Minerale Calcit, Quarz, Kaolinit und Limonit/ Goethit in einem sedimentären Mineralgemenge in der Todsburger Höhle als gesichert gelten kann.
  • Huminsäuren eine entscheidende Rolle bei der Mineralgenese spielten, da sie einerseits die H3O+– Ionen für die Feldspatverwitterung und die Fe- Lösung liefern und andererseits als Komplexbildner und Reduktionsmittel für den Transport in die Höhle sorgen.
  • die Entstehung des Materials vermutlich nach dem Ende der letzten Eiszeit erfolgte.

Nachbemerkung

Aufgrund der vorliegenden Befunde werden die Vorgänge, die zur Bildung der Mineralisation in der Todsburger Höhle geführt haben, als rein abiotische Prozesse gewertet. Sowohl die Umsetzung der Minerale an der Erdoberfläche als auch die oxidative Ausfällung im Höhleninnern können durch Redoxreaktionen aus der organischen und anorganischen Chemie erklärt werden. Jedoch, seit einer ganzen Reihe von Jahren, mehren sich die Hinweise darauf, dass erhebliche Teile der Eisen- und Manganerze in sedimentären Lagerstätten als direkte Lebensäußerungen von Mikroorganismen (vor allem Bakterien, aber auch Eukarioten) zu deuten sind. Aktuelle Ergebnisse sind in MENNE (1996) und in SKINNER & FITZPATRICK (1992) dokumentiert.

Inwiefern dies auch auf die hier besprochenen Minerale aus der Todsburger Höhle anzuwenden ist, kann beim gegenwärtigen Untersuchungsstand nicht entschieden werden. Die Oxidation der Fe+II– haltigen Lösung in der Höhle kann durch Beteiligung von Mikroorganismen erfolgen, muss jedoch nicht. Ebenso wahrscheinlich ist die in diesem Aufsatz zur Diskussion gestellte abiotische Fällung der Minerale durch die pH- und eH- Änderung in der Lösung, nachdem diese in den lufterfüllten Hohlraum eingetreten ist. Die in den Augen des Verfassers viel interessantere Frage, welche Vorgänge im einzelnen im Boden über der Höhle die Lösung des dreiwertigen Eisens herbeigeführt haben, bleibt durch die Mikrobiologie vorerst unbeantwortet. Die Reduktion und Mobilisierung des Eisens erfordert Energie- warum sollte ein Mikroorganismus Energie für einen für ihn nutzlosen, ja sogar schädlichen Vorgang aufbringen? Eisen ist in höheren Konzentrationen toxisch, also müsste ein Bakterium „Interesse“ daran haben, dieses Element durch Fällung aus seiner Umwelt zu beseitigen, statt die Konzentration durch Auflösung noch zu erhöhen. Sicherlich richtig ist aber die indirekte Beteiligung von Organismen an der Eisenreduktion durch die Bereitstellung von reduzierenden organischen Stoffwechselprodukten.

Dank

Ein besonderes Wort des Dankes möchte ich MARTIN FETH aussprechen, der die zeitraubenden IR- spektroskopischen Aufnahmen durchführte und somit die Realisierung dieses Berichts überhaupt erst ermöglicht hat.

Literatur

A.A. (o.J.): Komplexometrische Bestimmungsmethoden mit Titriplex.- 111 S.; Darmstadt.-[Analysensammlung, herausgegeben von Fa. E. Merck].

FRANKE, H.W. & MÜNNICH, K.O. & VOGEL, J.C. (1959): Erste Ergebnisse von Kohlenstoff- Isotopenmessungen an Kalksinter.- Die Höhle, 10(2): 17- 22; Wien.

FREVERT, T. & SCHRIMPFF, E. & BAUMGARTNER, I. (1982): Kalk- Kohlensäure- Gleichgewicht in oberflächennahen Grundwässern NO- Bayerns.- Z. Wasser Abwasser Forsch., 15(2): 58- 69, 1 Abb., 3 Tab.; Weinheim.

KLOCKMANN, F. (1980): Klockmanns Lehrbuch der Mineralogie.- 16. Aufl., 876 + 55 S., 631 Abb.; Stuttgart (Enke).

KÜSTER, W.F. (1985): Rechentafeln für die chemische Analytik.- 103. Aufl., 310 S.; Berlin (de Gruyter).

MENNE, B. (1996): Manganhaltige Ablagerungen in der Rettenbachhöhle (Kat.Nr. 1651/1, Oberösterreich) und ihre Zusammenhänge mit mikrobiologischen Prozessen.- Die Höhle, 47(3): 69- 74, 2 Tab.; Wien.

RÖMPPs Chemie- Lexikon.- 7. Aufl.; Stuttgart (Franckh).

SCHUSTER, R. (1992): Mineralogie.- Wiss. Berichte der Karstspeläologischen Arbeitsgemeinschaft Karlsruhe, 1: 68- 80, 1 Tab.; Karlsruhe.

SIMMLEIT, N. (1987): Klassifizierung und hydrochemische Charakterisierung von Tropfwässern am Beispiel zweier oberfränkischen Karsthöhlen.- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstforsch., 33(2): 28- 31, 1 Abb., 3 Tab.; München.

SKINNER, H.C.W. & FITZPATRICK, R.W. [Hrsg.] (1992): Biomineralization, Processes of Iron and Manganese, Modern and Ancient Environments.- Catena Suppl., 21, 432 S.; Cremlingen.

TREIBER, D. (1984): Chemisches Praktikum, Technische Analyse, Versuche, Erläuterungen.- 104 S., Stuttgart (Selbstverlag).

ZIECHMANN, W. & MÜLLER- WEGENER, U. (1990): Bodenchemie.- 326 S.; Mannheim (B.I. Wissenschaftsverlag).

Chiroptorium in Texas erbaut

Gut, wo Texas ist, wissen wir alle. Was aber ist bitteschön ein Chiroptorium? Nun, das Wort setzt sich zusammen aus Chiroptera, dem lateinischen Gattungsnamen für die Fledermäuse und Auditorium (Hörsaal). Bauen ließ es der texanische Millionär J. David Bamberger, und im Prinzip ist es nichts anderes als eine riesige künstliche Höhle. Die in Texas verbreitetste Art von Fledermäusen, Tadarida brasiliensis (Guana-Fledermaus) wandert im Winter ins Winterquartier nach Mexiko, und wenn sie dann so ab April wieder nach Texas zurück kommen, finden sie oft keine geeigneten Wohnmöglichkeiten mehr vor. So nisten jedes Jahr über 1 Millionen der nächtlichen Jäger an einer großen Brücke in Austin, der Hauptstadt von Texas. Dieser Wohnungsnot will Bamberger mit seinem Chiroptorium nun abhelfen. Es sind dies drei miteinander verbundene kuppelförmige Hohlräume, jeweils mit einem Durchmesser von 12 Metern, sechs Metern Höhe und insgesamt 280 Quadratmetern Grundfläche. Da Fledermäuse bekanntlich recht wählerisch bei der Wohnungssuche sind, bewässerte und bepflanzte Bamberger in der Nähe des Chiroptorium sein Farmland mit Pflanzenarten, die das Wasser halten, damit die Fledermäusen durch die Mücken auch ein reichliches Nahrungsangebot vorfinden. In die künstlichen Höhlen integriert ist ein Beobachtungsstand für Wissenschaftler, der mit Solarzellen, Infrarotlicht Kameras und ähnlichen technischen Schikanen ausgerüstet ist. Was jetzt noch fehlt sind die Fledermäuse …

Tom Sawyers Höhlenabenteuer

Wer hat es nicht mehr im Gedächtnis, das Jugendbuch „Tom Sawyers Abenteuer“ des amerikanischen Schriftstellers Mark Twain? Hier hast Du die Gelegenheit, Deine Erinnerung aufzufrischen! Was das soll, ein Artikel über ein Jugendbuch in einer renommierten Höhlenzeitschrift, wirst Du vielleicht fragen, falls Du das Buch noch nie gelesen hast. Nun, lasse Dich überraschen!

Anläßlich eines von der Familie Thatcher veranstalteten Picknicks, besucht Tom Sawyer, ebenso wie die anderen Jungen und Mädchen aus der Stadt, die an dem Picknick teilnahmen, eine ausgedehnte Höhle. Wohl eine halbe Stunde konnte man durch den bekannten Teil der Höhle streifen, ohne auf jemanden anderen zu treffen, dennoch stieß man, aus den Nebengängen kommend, immer wieder auf die Hauptgruppe, die lärmend und fröhlich, mit Kerzen in der Hand, durch die Höhle zog. Tom, der ein Auge auf Becky Thatcher geworfen hat, sondert sich mit ihr etwas von den anderen ab…

„Tom und Becky waren durch die finsteren Gänge gewandert und hatten die bekannten Wunder der Höhle betrachtet, die Kathedrale, Aladins Palast, und so weiter. Daraufhin waren sie eine enge gewundene Felsgasse hinunterspaziert und hatten mit hochgehaltenen Kerzen die halb von Spinnweben verdeckten Namen, Daten und Sinnsprüche entziffert. Schließlich merkten sie, dass sie sich in einem Teil der Höhle befanden, dessen Wände keine Inschriften mehr aufwiesen. Da schrieben sie ihre eigenen Namen mit Kerzenruß unter einen Felsvorsprung und spazierten weiter. Bald darauf erreichten sie eine Quelle, deren Wasser so viel Kalk mit sich führte, dass im Laufe der Jahrhunderte sich ein kleiner Niagarafall aus weißem Tropfstein gebildet hatte. Tom zwängte seinen Körper hinter den Tropfstein, um den Wasserfall von hinten zu beleuchten. Dabei fand er heraus, dass von hier aus eine natürliche Treppe in die Tiefe führte. Sofort ergriff ihn das Entdeckerfieber. Auch Becky war gleich Feuer und Flamme. Zur Vorsicht machten sie ein Rußzeichen an die Wand, und traten dann ihre Forschungsreise an. Sie verfolgten diesen Weg bis in die tiefsten Abgründe der Höhle, brachten noch mehrere solcher Zeichen an und waren von dem Wunsche beseelt, Dinge zu entdecken, mit denen sie die Leute in der Oberwelt verblüffen konnten. Irgendwo stießen sie auf eine große Höhle, von deren Wölbung eine Unzahl in allen Farben schimmernder Tropfsteine herunterhingen. Staunend sahen sie sich um und verließen sie dann durch einen engen Gang. Der führte zu einem Springbrunnen, dessen Becken mit einer Schicht phantastisch geformter Kristalle bedeckt war. Er befand sich in der Mitte eines hallenartigen Raumes, dessen Wände von einer Reihe schlanker Tropfsteinsäulen gebildet wurde. Ganze Klumpen Fledermäuse klebten unter der Wölbung. Es mussten Tausende von diesen Tieren sein. Von den Lichtern erschreckt, flatterten sie quickend herunter und stürzten sich auf die Flammen zu. Sofort erkannte Tom die Gefahr. Er zog Becky in den ersten sich auftuenden Gang. Keine Sekunde zu früh! Eine Fledermaus hatte schon mit ihrem Flügel Beckys Licht ausgelöscht. Noch eine kurze Strecke verfolgten die Tiere die beiden, aber Becky und Tom stürzten sich sofort in jeden Gang, der abzweigte, und entgingen so der gefährlichen Situation.“

 

Bald darauf entdeckte Tom einen unterirdischen See, der anscheinend abgrundtief war. Er wollte ihn umwandern, überlegte aber, dass es wohl besser sei, wenn man sich erst ein wenig ausruhe. Jetzt, da die tiefe Stille sich wie ein Tuch über sie legte, griff zum ersten Mal Angst nach dem Herzen der Kinder. Um nicht wieder an den Fledermäusen vorbei zu müssen, beschließen sie einen anderen Weg zu suchen. Dabei verlaufen sie sich dann völlig, und schließlich wird auch Becky klar, dass Toms Zuversicht, den richtigen Weg doch noch zu finden, eigentlich nur gespielt ist.

„Wir sind verloren, Tom. Nie wieder finden wir aus dieser Höhle ´raus! Warum sind wir nur nicht bei den anderen geblieben!‘ Und sie setzte sich auf den Boden und weinte herzzerreißend. Tom schien es, sie könnte den Verstand verlieren. Tröstend setzte er sich neben sie, legte seinen Arm um sie und zog ihr Gesicht an seine Brust, und sie weinte sich aus. Selbst das Weinen gab das Echo zurück, und es klang wie höhnisches Gelächter. Tom bettelte, sie solle doch wieder Mut fassen. Und als sie sagte, das könne sie nicht, fing er an, sich selber anzuklagen, dass er sie in diese fürchterliche Lage gebracht habe. Da sie das hörte, versprach sie, wieder Hoffnung zu fassen. Sie wolle ihm folgen, wohin immer er sie führte … So wanderten sie also ziellos weiter. Was blieb ihnen auch anderes übrig?“

Nach einer Pause, in der Becky ein wenig schlief, und weiterem langen, ziellosen Umherwandern, kommen sie schließlich an eine Quelle, wo sie abermals rasten. Sie essen das Stück Kuchen, das sich Tom beim Picknick eingesteckt hat. Da Becky so gestärkt, nun mit frischem Mut weiter nach einem Ausgang suchen will, eröffnet ihr Tom, dass ihr Vorrat an Kerzen zu Ende gegangen ist.

„Still und nachdenklich saßen sie da. Sie beobachteten den Rest der Kerze, der erbarmungslos kleiner wurde. Schließlich war nur noch ein Zentimeter Docht übrig. Die Flamme wurde kleiner und kleiner, und dann stieg ein kleiner Rauchfaden empor. Das Licht war erloschen. Tiefe Finsternis breitete sich aus.“

„Stunde um Stunde verrann. Wieder stellte sich quälender Hunger ein. Tom teilte den Rest seines Stückchens vom Kuchen, und sie aßen. Sie wurden aber nicht satt, schienen vielmehr hungriger zu werden. Plötzlich rief Tom: ‚Du, Becky, hörst Du nichts?‘ Mit angehaltenem Atem lauschten beide. Ein Ruf drang von weither an ihr Ohr. Tom antwortete sofort und lief dem Laut entgegen, Becky hinter sich herziehend. Sie blieben stehen und lauschten wieder. Und wieder hörten sie den Ton und waren ihm anscheinend näher gekommen. ‚Sie kommen!‘ jubelte Tom. ‚Jetzt wird alles gut‘. Die Freude überwältigte sie fast. Indessen wurde das Vorwärtskommen immer schwieriger, weil es zahlreiche Risse und Spalten im Boden gab. Bald mussten sie anhalten. Ein unüberwindlicher Spalt tat sich vor ihnen auf“.

Tom konnte in der Dunkelheit nicht erfühlen, wie breit und tief er war. So warteten sie eine Weile, aber als sich die Rufe nicht wiederholten, tasteten sie sich entmutigt zur Quelle zurück.

„Die Untätigkeit lastete furchtbar auf Ihnen. Da kam Tom der Gedanke, es sei doch immerhin besser, einige Seitengänge zu untersuchen, als mutlos herumzusitzen. In der Tasche hatte er noch eine Drachenleine. Die befestigte er an einer Felsnase und tastete sich behutsam vorwärts, wobei sich die Leine allmählich abwickelte. Er war noch keine zwanzig Schritte gegangen, als der Gang steil nach unten abfiel. Er versuchte, so weit wie möglich mit der Hand um den Felsen herumzukommen. Da sah er, keine zwanzig Meter entfernt, eine menschliche Hand, die ein Licht hielt. Er stieß ein Triumphgeschrei aus. Als er aber das Gesicht des Menschen sah, erstarrte er. Es war der Indianer-Joe.“ (Wir erinnern uns: Tom hatte die Untaten des Indianer-Joe damals beobachtet, und überraschend vor Gericht gegen ihn ausgesagt. Nur durch einen beherzten Sprung aus dem Fenster war der Bösewicht der gerechten Strafe entgangen.) „Im nächsten Moment war er überrascht, dass Joe sich Hals über Kopf davonmachte, anstatt ihm den Hals abzuschneiden, wegen seiner Aussage vor Gericht. Der Widerhall muss wohl meine Stimme unkenntlich gemacht haben, dachte er. Er nahm seine ganze Kraft zusammen und kehrte zur Quelle zurück. Becky erzählte er nichts von seinem Zusammentreffen. Er sagte nur, er habe es auf gut Glück noch einmal mit einem Ruf versucht. … Nach langem Schlaf schlug er vor einen anderen Gang zu versuchen. Aber Becky war zu schwach. Sie nahm ihm das Versprechen ab, dass er ab und zu zurückkehre, um nach ihr zu sehen. Und wenn dann die Todesstunde gekommen sei, dann solle er ganz nahe bei ihr sitzen und ihre Hand halten. Tom küßte sie zärtlich und hatte dabei ein Gefühl, als müsse er ersticken. Aber er zeigte seine Angst nicht, sondern redete zuversichtlich auf das Mädchen ein. Dann nahm er seine Drachenleine und kroch auf Händen und Füßen davon, von Hunger gequält und von trüben Ahnungen beschwert.“

Doch trotz seiner trüben Ahnungen findet Tom zufällig einen Ausgang aus der Höhle. Er ist wieder einmal der Held des ganzen Städtchens. Seine Dummheit verzeiht man ihm, da man froh ist, ihn wieder gefunden zu haben (Übrigens: Heutzutage sind Versicherungen und Rettungsdienste an ganz andere Aufregungen gewöhnt, nur durch die glückliche Rettung eines Menschleins verzichten die noch lange nicht auf ihr wohlverdientes Bares). Und die ganze Geschichte stimmt genau so, wie sie hier abgedruckt war, denn sie steht auch schwarz auf weiß in: Tom Sawyer Huckleberry Finn, in der deutschen Bearbeitung von Rudolf Herrmann, erschienen im Spectrum Verlag Stuttgart 1976.

Ich habe Euch jetzt über die Höhlenabenteuer von Tom Sawyer berichtet und nun stellt sich für uns als wißbegierige Höfos die Frage: Gibt es die Höhle, in der Tom Sawyer und Becky beinahe ihr frühes Ende fanden, wirklich?

Ein paar Recherchen im Internet ergaben Kontakt zu auskunftswilligen amerikanischen Höfos, so dass sich diese Frage mit einem klaren „Ja!“ beantworten lässt. Jedenfalls gibt es eine Höhle, deren Lage den Beschreibungen in Twains Buch ziemlich genau entspricht. Nahe der Stadt Hannibal, im Osten des Bundesstaates Missouri, in der der Schriftsteller Mark Twain seine Kindheit verbrachte, liegen zwei Höhlen, die heute touristisch erschlossen sind: Die Cameron Cave und die Mark Twain Cave. Beide Höhlen sind – ganz wie die McDougal’s Höhle aus dem Buch – als verwinkelte Labyrinthe entwickelt, in denen sich wohl ein neugieriger Mensch verirren kann. Zwar sind beide Höhlen nicht so feucht und reich versintert, wie jene aus dem Roman, aber man muss diesbezüglich wohl annehmen, dass die künstlerische Freiheit und die verklärten Jugenderinnerungen der Höhle in der Literatur zu einem wesentlich besseren Aussehen verhalfen, als in der Wirklichkeit.

Rußspuren und Werkzeugreste zeigen an, dass schon die indianische Urbevölkerung die Mark Twain Cave kannte und als Zuflucht benutzte. Im Winter 1819/20 entdeckten bei einer Pantherjagd die Brüder Sims als erste Weiße die Höhle und schon kurze Zeit später folgten die ersten Erforscher. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts unternahm ein Zeitgenosse Mark Twains, der am Rande des Wahns wandelnde berühmte Chirurg McDowell (die Ähnlichkeit mit dem von Twain gewählten Phantasienamen für die Höhle, McDougal, ist offensichtlich), den Versuch, den Körper seiner 14- jährigen Tochter in einem mit Alkohol gefüllten Kupferzylinder in dem trockenen Höhlenklima zu mumifizieren. Resultat war, dass das makabere Experiment Horden von Touristen in die Höhle lockte, die mit dem toten Körper allerlei derben Schabernack trieben. Die Metallhaken, mit denen der Zylinder aufgehängt war, wurden noch Jahre später in der Mark Twain Cave gezeigt. Noch einen berüchtigten Mann zog die Höhle an: Am 22. September 1879 verewigte sich Jesse James mit seiner Signatur an der Höhlenwand.

Heute sind die beiden Höhlen Cameron Cave und Mark Twain Cave mit elektrischer Beleuchtung und gemauerten Wegen versehen und seit 1972 als Naturdenkmal geschützt.

In den 1830er Jahren zog die Familie Clemens nach Hannibal, deren Sohn Samuel Langhorne Clemens später unter dem Pseudonym Mark Twain (1835- 1910) schriftstellerischen Weltruhm erlangte. In den 40er und 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts, dürfte er, wie viele andere Jugendliche aus seiner Stadt, auf Entdeckungsfahrt in die später nach ihm benannte Höhle aufgebrochen sein. Er schrieb in seiner Autobiographie dann auch tatsächlich:

„Ich habe mich selbst in Begleitung einer Dame in ihr verirrt und unsere Kerzen brannten fast vollständig herunter, bevor wir das Licht eines Suchtrupps erspähten, der sich in der Ferne wand.“

Man sieht, dass ganz offensichtlich auch Tom Sawyers Höhlenfahrt einen realen Hintergrund hatte, den Twain später in seinem Roman verarbeitete. Auch der schurkische Indianer-Joe, den wir aus dem Buch kennen und der in der fiktiven Handlung den Hungertod in der Höhle starb, war eine reale Person, sofern wir Twains Biographie Glauben schenken dürfen. Der „echte“ Joe aber überlebte die Irrfahrt in der Höhle, indem er Fledermäuse fing und verzehrte.

Aus Twains Autobiographie ist uns aber überliefert, dass er als Heranwachsender die Höhle oft besuchte, ja dass er sogar seine Mutter mit mitgebrachten Fledermäusen zu erschrecken pflegte.

Jedenfalls ist es heute eine Schauhöhle, die mit dem Namen von Mark Twain ziemlich bekannt geworden ist. An Besucher ist die Höhle schon gewöhnt gewesen, denn das im Buch beschriebene Picknick gründet sich auf zahllose historische Vorlagen, wie es die zahlreichen Rußflecken an den Höhlenwänden heute noch belegen. Twain war übrigens später nochmal dort, denn dem Buch „Adventures in Mark Twain Cave“ von H. Dwight Weaver kann man entnehmen, dass sich Mark Twain, Tom Sawyer und Becky Thatcher in das Besucherbuch eintrugen.

Für die ausführlichen und freundlichen Auskünfte, die diesen Artikel ermöglichten, danke ich herzlich: Blaze Cunningham, John Lyles, Mark Minton, Ethan Scarl, und Jo Schaper sowie der Verwaltung der Mark Twain Cave, die mir den Höhlenplan und einen kleinen Höhlenführer überließ, der demnächst der Vereinsbibliothek einverleibt wird.

Literaturhinweise

Bogart, R.C. (o.J.): A visit to Mark Twain Cave and Mark Twain Country.- Hannibal. [Broschüre der Schauhöhlenverwaltung].

Bretz, J.H. (1956): Caves of Missouri.

Weaver, H.D. & Johnson, P.A. (1980): Missouri, the Cave State.

Die Schreiberhöhle (7226/06) bei Steinheim

Auch auf die Gefahr hin, dass die permanenten Lobs in dieser Ausgabe den Lesern zu Kopfe steigen, sei auch dieser Artikel den aktiven Forschungen der Arge Rosenstein gewidmet. Es soll auch gezeigt werden, dass auf der Schwäbischen Alb noch ein großes speläologisches Forschungspotential besteht, sofern man die Geduld zur Feinarbeit mitbringt.

Im Vorfeld des Forschungslagers auf der Charetalp galt es, eine Vermessungsübung zu organisieren, mit der besonders den Jung- Höfos im Haufen die subterrane Topographie nahegebracht werden sollte. Die Wahl fiel auf die Schreiberhöhle, weil diese durch Verzweigungen, Rundgänge, kleine Schächte etc. besonders gut geeignet schien, das Vermessen unter nicht allzu einfachen Bedingungen zu üben. Außerdem gab es bisher von dem Loch keinen exakten Höhlenplan. Auch der örtliche Verein hatte es in seiner 20-jährigen Geschichte nicht geschafft, die Schreiberhöhle aufzunehmen. Außerdem wuchs das Interesse an der Höhle nach dem Besuch unserer Bamberger Kollegen bei uns im Frühjahr, die uns berichteten, dass sie bei der touristischen Befahrung auf einen frisch ausgegrabenen neuen Teil gestoßen waren, der sich durch hübsche Versinterung auszeichnet.

Also schlug die Arge Rosenstein zu und ein eigenes Forschungsprojekt war geboren, das noch immer läuft und dieser Artikel ist als erster Zwischenbericht zu werten!

Bisher fanden drei Befahrungen am 19.07., 26.07. und 06.09.1997 statt, an der die Heubacher Höfos S. Bader, M. Dieth, J. Friedel, M. Gallasch, I. Sachsenmaier und R. Schuster teilgenommen haben. Die Höhle ist nun komplett mit dem Messzug, der sozusagen das „Skelett“ der Höhle bildet, erfaßt. Die Gesamtlänge aller unterirdischen Messstrecken beträgt 200,4 m und der tiefste Punkt liegt 8,3 m unter dem Eingangsniveau. Dieser Messzug ist als Anlage dem Bericht beigefügt (1 Grundriß im Maßstab 1 : 250 mit Tiefenangaben und ein Blockbild in isometrischer Darstellung), wobei die Nummern an den Messpunkten die relative Tiefenlage unter dem Koordinatenursprung (Messpunkt c1 an der Kante des Eingangsschachts) ausdrücken. Natürlich müssen von der Gesamtmessstrecke Ganganschnitte und halbe Hallenrundzüge subtrahiert werden, dafür kommen aber kleine Nischen und Ecken, in die keine Messlinien gelegt wurden, hinzu, so dass die Gesamtlänge der Höhlengänge ebenfalls bei etwa 200 Metern liegen wird.

Die Gangumrisse und der Höhleninhalt (Blockwerk, Tropfsteine etc.) müssen noch aufgenommen werden und ich hoffe, es finden sich auch hieran Interessierte.

Ein kleiner Ausflug in die Erforschungsgeschichte.

Entdeckt wurde die Höhle 1960, als die beiden hohen Schlote im Bereich der Eingangshalle bei Abbauarbeiten in dem kleinen Steinbruch angeschnitten wurden. Die Höhle wurde posthum nach dem Heidenheimer Höhlenforscher Walter Schreiber benannt (Binder, Frank & Müller 1960: 35- 37). Ein erster, freilich sehr skizzenhafter Plan entstand schon damals, der jedoch die Darstellung fast aller Seitenteile vermissen lässt.

Anfang der 70er Jahre trieb sich der Schwäbisch Gmünder Höfo Reinhold Kreuz in der Höhle herum, bewältigte den großen Versturz und entdeckte die Bisonhalle, die nach den Knochenresten der Urkuh benannt ist, die Kreuz dort fand. Ein weiterer Plan entstand, der alle damals bekannten Höhlenteile zeigt, jedoch deutliche Richtungsabweichungen aufweist (Kreuz 1974).

Wegen dieser Fehler vermaßen zwei Studenten der FHT Stuttgart im Jahr 1979 die Höhle erneut, wobei die Richtungsfehler ausgemerzt, jedoch die Nebenstrecken unsauber erfaßt wurden (Ruess 1986: 68).

1996 oder 1997 haben uns unbekannte Personen den Eingangsschluf in den nun „Makkaroniquetsche“ genannten neuen Teil freigelegt, in den von der InGO ein Messzug gelegt wurde. Es schien uns jedoch riskant zu sein, die Vermessung des neuen Teils an die bestehenden, fehlerhaften Pläne anzuhängen, weshalb nach einem Gedankenaustausch mit M. Ruess von der InGO, ein weiterer Grund gefunden war, die Liste der Pläne nun auch um einen von der Arge Rosenstein zu ergänzen. Mal sehen, wieviel Nachfolger wir finden werden…

Erster Überblick über die gewonnenen Forschungsergebnisse.

Die neuen Räume.

Nach dem Abstieg in den Eingangsschacht und dem Durchqueren der Eingangshalle, biegt man im Hauptgang links ab (Richtung N), bis nach einem kurzen Steilanstieg der Gangsohle, sich rechts (E) ein flacher, an einer Schichtfuge orientierter Schluf öffnet. Dieser leitet nach rund 3 m an eine Verzweigung. Rechts geht es nur durch einen kurzen Schluf zu einem Möchtegernschacht (harte 3 m tief), während links die eigentliche Fortsetzung der Höhle folgt. Nach einem neuerlichen Gangknick nach rechts, erreicht man die Grabungsstelle. Die Raumhöhe sinkt kurzfristig auf etwa 30 cm ab, aber man kommt noch mit dem Helm auf der Birne durch… Zum Glück kann man nach kurzer Strecke das Gesicht wieder aus dem Lehm- Verbruch- Gemisch auf der Gangsohle erheben und kommt dadurch in den Genuß, nun auch sehen zu können, wie der Schluf 4 m weit schräg nach oben führt und in eine Halle einmündet, die mindestens satte 7 m breit und deren 10 lang ist, wobei die Raumhöhe als Besonderheit nirgendwo auf mehr als 70 cm steigt. Zahlreiche der für die Schreiberhöhle typischen schneeweißen bis hellgelben Makkaronis und Sinterröhrchen bilden einen lebhaften Kontrast zu dem bräunlichen Gestein, nur dass in diesem neu entdeckten Raum die Sintergebilde sich noch in einem unverschmutzten und unbeschädigten Zustand präsentieren. Auf jeden Fall dürfte nun klar sein, warum diese neue Halle „Makkaroniquetsche“ heißt!

Makkaroniquetsche

 

An der westlichen Raumbegrenzung zieht ein niedriger Gang mit rechteckigem Inkasionsprofil Richtung NNE, der uns lebhaft an das Transportbehältnis des Heubacher Höfo- Treibstoffs erinnerte und deswegen „Bierkastenprofil“ heißt… Er endet im Sediment. Am Anfang des Ganges öffnet sich ein enges Loch zwischen Versturzblöcken, das steil abwärts Richtung W führt, nach knapp 3 m ebenfalls in die Hauptkluftrichtung NNE einschwenkt und nach einer Engstelle in einer winzigen Kammer endet. Die Engstelle wurde von uns am 26.07.97 höflich mit dem Geologenhämmerchen „überredet“, M. Gallasch als heldenhaften Erstbefahrer passieren zu lassen, der seinen Triumph mit einer in diesem Raum in pränataler Hockstellung konsumierten Kippe feierte!

Geologie.

Die Schreiberhöhle verspricht gute Informationen über die Karstentwicklung der Region zu liefern. Durch die Arbeiten von Dongus (1962, 1974) im Bereich Geomorphologie und vonBayer (1982) auf dem Gebiet der Tektonik, ist eine gute geowissenschaftliche Datenbasis vorhanden, die in Kürze mit eigenen Erhebungen korreliert werden soll. Eine ganz knappe Vorschau soll aber bereits zu diesem Zeitpunkt mit der dem augenblicklichen Forschungsstand gebührenden Vorsicht erfolgen. Es sei explizit betont, dass der Verfasser zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Textes noch keine strukturgeologische Aufnahme in der Höhle und ihrem Umfeld vorgenommen hat, die zur definitiven Beurteilung der Entwicklungsgeschichte erforderlich ist!

Die Höhlengänge der Schreiberhöhle werden überwiegend von Klüften geführt. Ich habe daher die Gänge als geologische Lineare aufgefaßt und die Richtungs- und Neigungswinkel der Messzüge, die in erster Näherung mit den Gangachsen zusammenfallen, in Richtungs- und Abtauchwerte der Lineare umgerechnet und graphisch dargestellt.

Gangrose

 

Aus der Gefügerose werden so die Gangrichtungshäufigkeiten besser ersichtlich als aus den Höhlenplänen und gut zu erkennen ist die Hauptrichtung NNE- SSW. Diese fällt offensichtlich mit dem rund 30° streichenden „rheinischen“ Kluftsystem (Streichen +/- parallel zum Rheingraben) zusammen. Orthogonal dazu steht das „herzynische“ Kluftsystem (parallel zur Südrandstörung des Harzes; ca. 120°), das sich auch in der Gangrose wiederfindet. Das dritte wichtige Kluftsystem in SW- Deutschland ist das „schwäbische“, dessen Streichrichtung bei rund 70° liegt und das auch in das Richtungsinventar der Höhle eingeflossen ist. Daneben tauchen aber auch noch weitere dominante Gangrichtungen auf, die sich nicht mit den drei großen Kluftsystemen decken. Es wird hier schon deutlich, wie wichtig die geplante strukturgeologische Feinaufnahme des Umfeldes um die Höhle ist. Zum Beispiel wäre es reizvoll, herauszufinden, inwiefern sich die Auswirkungen des Meteoriteneinschlags im Steinheimer Becken (an dessen Rand die Schreiberhöhle liegt) im Kluftspektrum bemerkbar machen.

Die drei „großen“ Kluftsysteme rheinisch- schwäbisch- herzynisch wurden, wie die Gangrose aufzeigt, vom Wasser benutzt, um die Höhle anzulegen. Demnach ist die Höhle jünger als die jüngste Kluftrichtung, was aufgrund der erhöhten Wasserwegsamkeit im Bereich von Klüften/ Störungen einleuchtend ist. Meine Untersuchungen im Bereich des Rosensteins haben gezeigt, dass das rheinische Kluftsystem älter ist als die beiden anderen (Musteraufschluß ist übrigens die Kleine Scheuer). Es entstand durch die Ausdünnung der Lithosphäre und die beginnende Öffnung des Rheingrabens durch ein WNW- ENE orientiertes extensionales Streßfeld. Die Extension begann im Eozän (in Zahlen: vor rund 40 Mio. Jahren). Durch plattentektonische Prozesse rotierte das Streßfeld im Laufe des Tertiärs und ab dem Miozän (vor 25 Mio. Jahren beginnend) kam es zur Herausbildung des herzynischen Kluftsystems. Das schwäbische System verdankt seine Entstehung anderen Ursachen: Es handelt sich um Durchpausungen alter Reliefstrukturen des variszischen Grundgebirges (Geyer & Gwinner1991: 249), denen demnach ein hohes, möglicherweise mesozoisches Alter zukommen könnte.

Jedoch, das jüngste datierbare Kluftsystem ist demnach das herzynische mit rund 25 Mio. Jahren, woraus folgt, dass dies das Höchstalter für die Höhlenbildung sein muß.

Die Höhle gliedert sich in zwei deutlich verschiedene Raumformen: Nahezu horizontale, Nord- Süd- orientierte Gänge mit stellenweise deutlichem Flußhöhlenprofil und davon abgegrenzte vertikale Schächte mit bis zu 6-7 m Tiefe. Letztere weisen deutliche Wasserstands- bzw. Korrosionsmarken auf. Das lässt auf eine signifikante Altersgliederung der Höhlenbildung schließen mit einer alten, fluviatilen- phreatischen Phase, bei der die Horizontalgänge ausgeräumt wurden und einer jüngeren vadosen Phase im Schwankungsbereich des Karstwasserspiegels.

Davon abzugrenzen sind die beiden Eingangsschächte (der östliche ist mit Balken abgedeckt und durchstößt die Erdoberfläche ca. 7 m vom Haupteingang entfernt auf halber Höhe der Steinbruchwand), die durch Durchschlagen des Hohlraums durch die zum Nachbruch neigenden dünnbankigen Kalke des Weißjura Zeta entstanden sind. Die von Kreuz gefundenen Wisent- Knochen zeigen an, dass die Höhle im Pleistozän bereits zur Erdoberfläche geöffnet war.

Die Horizontalgänge deuten auf eine Entwässerung nach Süden hin, in Richtung zur Tethys. Dies erfordert jedoch kein hohes Alter, dauerte doch die danubisch orientierte Entwässerung auf der Ostalb bis ins Altpleistozän an ( Geyer & Gwinner 1991: 252). Nach Dongus (1974: 60) erfolgte die Kappung des lokalen Vorfluters, der Ur- Brenz, durch den Kocher erst vor umgerechnet 150.000 Jahren. Die Höhle liegt aber hoch über der Kocher- Brenz- Talwasserscheide, ist also deutlich älter. Es wurde schon angedeutet, dass die Schächte zu einer Zeit entstanden, als der Karstwasserspiegel im Bereich der Höhle lag, also bei 615 m ü. NN und sich das Paläoflußsystem bereits in die Hauptoberfläche des nördlichen Albuchs eingetieft hatte. Das entspricht der „Ochsenbergstufe“ von Dongus (1962: 22). Dieses Flußsystem war ab dem unteren Torton aktiv und korreliert mit dem Horizontalgängen der Schreiberhöhle. An der Wende Torton/ Sarmat tiefte sich die nächste Talgeneration um ca. 30 m in das Hochtalsystem der Ochsenbergstufe ein und die Höhle begann trockenzufallen, die Bildung der Innenschächte der Höhle setzte ein. Um dem Leser den Genuß absoluter Jahreszahlen zu verschaffen: Das war vor rund 15 Mio. Jahren.

Weitere Untersuchungen müssen sich noch anschließen! Ich hoffe, die Forschungsaktivitäten erhalten weiterhin den regen Zuspruch wie bisher.

Literaturverzeichnis

Albrecht, R. (1980): Höhlen, Felsen und Ruinen.- 120 S., 89 Abb., 1 Tab.; Esslingen (Fleischmann).

Bayer, H.- J. (1982): Bruchtektonische Bestandsaufnahme der Schwäbischen Ostalb (Geländeuntersuchungen, Luftbild- und Satellitenbildauswertungen).- Diss. TU Clausthal; Clausthal- Zellerfeld.

Binder, H., & Frank, H., & Müller, K. (1960): Die Höhlen der Heidenheimer und der Ulmer Alb.- Jh. Karst- u. Höhlenkde 1: 35- 55, 27 Abb., 1 Tab.; Stuttgart.

Dongus, H. (1962): Alte Landoberflächen der Ostalb.- Forsch. dt. Landeskde. 134: 1- 71; Bad Godesberg.

Dongus, H. (1974): Die Oberflächenformen der Schwäbischen Ostalb.- Abh. Karst- u. Höhlenkde. A 11: 1- 114, 1 Taf.; München.

Eisbacher, G.H. (1996): Einführung in die Tektonik.- 2. Aufl., 374 S., 329 Abb.; Stuttgart (Enke).

Geyer, O.F. & Gwinner, M.P. (1991): Geologie von Baden- Württemberg.- 4. Aufl., 482 S., 255 Abb., 26 Tab.; Stuttgart (Schweizerbart).

Kreuz, R. (1974): Neuvermessung der Schreiberhöhle im Doschental (Schwäbische Alb, 7226/06).- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstf. 20 (1): 11- 14, 1 Abb.; München.

Ruess, M. (1986): Exkursion B: Heuchstetter- und Schreiberhöhle.- Materialh. Karst- u. Höhlenkde. 4: 66- 71, 4 Abb.; Heidenheim. -[Enthält gute Beschreibung der Schreiberhöhle]

Ufrecht, W. (1980): Die Höhlen des Kartenblatts 1: 25000 7226 Oberkochen (Ostalb).- Laichinger Höhlenfreund 1980 (2); Laichingen.

Die Cosquer-Höhle bei Marseille

Die außergewöhnlichen Malereien in zwei in letzter Zeit in Südfrankreich entdeckten Höhlen stellen die bisherigen Kenntnisse über die Entwicklung der Kunst in der Steinzeit in Frage. Die eine der Höhlen, die „Grotte Cosquer“ soll im Folgenden etwas näher besprochen werden1.

Schon 1985 entdeckte Henri Cosquer den Eingang zu der später nach ihm benannten Höhle, doch erst lange nachher wurde die ganze Bedeutung dieses Fundes erkannt. Im Sommer 1991 entdeckte er nämlich auf einem Dia den ersten negativen Handabdruck. Daraufhin fand im Juni 1992 die erste wissenschaftliche Befahrung der Höhle statt. Sie hatte zum Ziel die Wandmalereien in Augenschein zu nehmen, Kohlestückchen zur Datierung aufzufinden, die Objekte und Strukturen des Bodens aufzunehmen und erste geologische Untersuchungen anzustellen.

Die zweite Phase der wissenschaftlichen Erforschung zog sich wegen der ungünstigen Witterung von Herbst 1994 bis Ende Dezember 1994 hin. Der Zugang zur Höhle war ohnehin schon schwer genug. Ein 150 Meter langer Schlauchtunnel führt 37 Meter unter dem Meeresspiegel in die Höhle, deren Eingang sich etwa 50 Meter von der Küste entfernt im Meer befindet und inzwischen, um das einmalige Kulturdenkmal in der Höhle zu schützen, von Tauchern der französischen Marine zugemauert wurde2. Trotzdem konnten folgende Vorhaben durchgeführt werden:

  • Die Einrichtung einer automatischen meteorologischen Station.
  • Die photogrammetrische Aufnahme.
  • Die Aufnahme mit dem Laser-Scanner „Soisic“, die es erlaubte eine dreidimensionale virtuelle Rekonstruktion der Höhle zu erstellen.
  • Die vollständige photographische Dokumentation der Wandmalereien.
  • Parallel dazu fand die vollständige Kartierung auch der unter Wasser gelegenen Teile der Höhle durch die beiden Taucher Thierry Betton und Luc Vanrell statt.

Im Lauf der Erforschung stellte es sich heraus, dass der wahrscheinlich bedeutendste Teil der Wandmalereien unglücklicherweise durch den Anstieg des Meeresspiegels vernichtet wurde. Zur Entstehungszeit der älteren Malereien lag der Meeresspiegel etwa 120 Meter tiefer Der Wasserstand war in der Höhle nie höher als heute, dadurch wurden in den bisher noch nicht überschwemmten Teilen die Spuren des Menschen der Steinzeit in einzigartiger Weise erhalten. Zahlreiche Spuren lehmverschmutzer Finger an den Wänden, zu Kugeln geformte und durch mit den Fingern gezogene Linien verzierte, danach jedoch weggeworfene Lehmbatzen, Spuren von schmutzigen Fingern auf der Mondmilch, das alles erweckt den Eindruck als sei der Platz von den Künstlern erst vor wenigen Tagen verlassen worden, tatsächlich dürfte Henri Cosquer aber der erste Mensch seit tausenden von Jahren gewesen sein, der sich dort aufhielt.

Nach den bisherigen Erkenntnissen fand die künstlerische Gestaltung der Höhle im wesentlichen in zwei Zeiträumen statt. Der ersten Phase, vor etwa 27000 Jahren und von noch unbestimmter Dauer, werden die zahlreichen Fingerspuren an den Wänden und die negativen Handabdrücke zugeordnet. Es wird auch vermutet, dass einige Tiere, hauptsächlich Pferde, und verschiedene geometrische Figuren in diese Epoche gehören, gesicherte Erkenntnisse liegen darüber jedoch nicht vor. Der Großteil der Kunstwerke stammt jedoch aus der zweiten Phase, von vor 18500 bis 19200 Jahren. Dabei sind nur ein Drittel aller Werke Kohlezeichnungen, bei der Mehrzahl (125 Einzelbildern) handelt es sich um Ritzzeichnungen. Auf den ersten Blick dominieren Pferdedarstellungen, gefolgt von Steinböcken und Gemsen sowie Bisons, Aurochsen und Rentieren.

„Die Tierzeichnungen in roter und schwarzer Farbe sind zu Jagdszenen gruppiert. (…) Die Zeichnungen haben einen anderen künstlerischen Stil als die bisher bekannten Steinzeit-Höhlenmalereien in Südwestfrankreich und Nordspanien. Die Pferde sind mit wehender Mähne dargestellt. Hirsche und Wisente sind erstmals nicht nur im Profil gezeichnet. Vielmehr wenden sie ihren Kopf in einer Drei-Viertel-Drehung dem Betrachter zu.“3 Eine der Besonderheiten stellen die Zeichnungen von Seehunden und Pinguinen dar. Auffällig sind auch mehrere geometrische Formen – Rechtecke mit aufgesetzten Dreiecken – die uns bisher so nur aus einem Heiligtum im Ural, nämlich der Kapova-Höhle bekannt waren. Die dortigen Zeichnungen werden jedoch auf ein Alter von etwa 14.000 Jahren geschätzt4. Diese geometrischen Figuren werden als Symbole einer Religion der Steinzeit-Menschen interpretiert. Besonderes Aufsehen erregte auch die Figur eines Mannes, der von einem Pfeil durchbohrt wird. „Bislang war man sich unter Steinzeitexperten einig, dass ein Pfeil in einer Wandmalerei als Ausdruck der Lebenskraft der gezeichneten Wesen gilt. Doch dieses Bild aus der Cosquer-Höhle bei Marseille ist nach den Untersuchnungen der Archäologen Jean Courtin und Jean Clottes augenscheinlich eine sehr frühe Gewaltdarstellung …“5

Nachbemerkungen

Die für den Artikel verwendete Literatur ist ab sofort im Vereinsheim der Arge Rosenstein jedem noch näher Interessierten zugänglich. Vor gut einem halben Jahr erschien im Verlag LeSeuil das Buch „La Grotte Cosquer“, in dem die Höhle und ihre Malereien ausführlich dargestellt werden. Die deutsche Ausgabe erschien ebenfalls bei Thorbecke und kostet leider 86 Mark. In allen benutzen Artikeln finden sich Bilder der Höhlenmalereien, die Artikel können im Vereinsraum eingesehen werden. Bei Virginie Contamine bedanke ich mich herzlich für die Hilfe mit dem französischen Originaltext.

Fußnoten

  1. Dabei stütze ich mich im wesentlichen auf den Artikel von Jaques Colina-Girard: La grotte Cosquer et les sites paléolithiques du littorial marseillais (entre Carry-le-Rouet et Cassis), in: Méditerranée, Nr.3/4, 1995, S.7-19, S.8. Die andere bemerkenswerte Höhle wird in dem Buch „Grotte Chauvet“ von Jean-Marie Chauvet, Éliette Brunel Deschamps und Christian Hillaire aus dem Thorbecke-Verlag (ISBN 3-7995- 9001-3) ausführlich besprochen.
  2. Bartsch, Hans: Eine Felsengrotte voller Steinzeit-Kunst, in: Rems-Zeitung, 25.10.1991
  3. Schröder, Eggert: Die geheimnisvolle Grotte bei Marseille, in: Berliner Morgenpost, 3.11.1991, S.64
  4. Birchall, Jim: Prehistoric art of Kapova Cave, Russia, in: The International Caver Magazine, Heft 16/1996, S.12-14
    (Auch erschienen in Birchall, J. & Richardson, M.: Russian cave art.- Caves & Caving66. Anm. R. Schuster)
  5. Siefer, Werner: Graffiti aus der Steinzeit, in: Focus, Heft 21/1994, S.142-146, S.143

Gericht beendet Streit um ein „Loch in der Landschaft“

Der folgende Zeitungsartikel1 fiel mir vor einigen Wochen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf, und ich finde alle Höhlenfreunde sollten dabei hellhörig werden. Zunächst aber einmal der Artikel im Wortlaut:

Gericht beendet Streit um ein „Loch in der Landschaft“

Sigmaringen, 26. November (dpa).

Im Streit um ein „Loch in der Landschaft“ hat jetzt ein schwäbischer Bauer gesiegt. Das Verwaltungsgericht Sigmaringen in Baden-Württemberg entschied: Das „Loch“ darf zugeschüttet bleiben. Dies berichtete Richter Otto-Paul Bitzer am Dienstag. Verloren hat den Rechtsstreit das Landratsamt Ravensburg. Der Bauer aus Wolfegg im Allgäu hatte ein 30 Meter breites , 60 Meter langes und 7,5 Meter tiefes Loch – eigentlich eher eine Mulde – auf seiner Wiese mit Erde zugeschüttet. Vom Landratsamt erhielt er die Aufforderung, die „unerlaubt in das Loch geschütteten 2000 Kubikmeter Erde“ wieder zu entfernen – es handle sich um ein „geologisches Denkmal“. Der Bauer wehrte sich. Er hatte das Loch – der besseren Bewirtschaftung wegen – zugeschüttet, und dabei sollte es auch bleiben. Das Landratsamt sah durch die Auffüllung die oberschwäbische Hügellandschaft gefährdet. Zu ihr gehören nach Auffassung der Behörde jene aus der Eiszeit stammenden „Löcher“.. Sie seien entstanden, als unterirdische Eismassen schmolzen und die Erde eingesackt sei, hieß es. In diesen „Toteis-Löchern“ bilden sich häufig Biotope mit seltenen Tieren und Pflanzen. Das Gericht nannte es in Anbetracht des enormen finanziellen Aufwandes „unverhältnismäßig“, von dem Bauern zu verlangen, das „Loch“ wieder freizulegen.

Soweit der Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die indirekte Rede, in der das Gericht zitiert wird, erweckt ein bißchen das Gefühl, dass die Zeitung der Justiz in diesem Punkt nicht so ganz traut. Also schauen wir doch mal in einem einschlägigen Handbuch2 nach, was da so über „Toteis“ steht. Dort heißt es:

Toteis: 1. größere oder kleinere Eismassenreste eines Gletschers oder Inlandeises, die beim Eisrückzug und Zerfall des Gletschers bzw. Inlandeises von der Haupteismasse abgetrennt worden sind und oberflächlich lagernd oder unter Moränenmaterial verschüttet sich noch längere zeit halten können. Im Gefolge ihres Abschmelzens entstehen die Toteisformen.

Toteisformen: … oder aus kleineren Toteiskörpern, die unter Moränenschutt lagern, später auftauen und an der Oberfläche zu einem unruhigen Kesselrelief führen. Die dabei gebildeten unregelmäßigen gestalteten Hohlformen füllen sich mit Schmelz- und/oder Niederschlagswasser und bilden dann Seen bzw. Moore…

Na, scheint doch zu stimmen, was das Gericht gesagt hat. Aber welche Schlüsse ziehen wir daraus für die Speläologie? Das ist nicht allzu schwer. Man vergleiche doch mal das oben beschriebene „Loch“ mit, na sagen wir mal einer großen Doline. Die Doline ist zwar etwas tiefer, aber sonst sind doch verblüffende Ähnlichkeiten da, oder? Und auch ein ähnliches Schicksal ist nicht ausgeschlossen, klagten doch erst vor etwa eineinhalb Jahren noch offizielle Stellen über das immer noch immer wieder vorkommende Verfüllen von Dolinen auf der Alb. Dem oder den Bauern sei dabei gar nicht immer böse Absicht unterstellt. Wenn diese Objekte aber alle kartiert wären, wenn die Grundstückseigentümer von der Schutz- oder zumindest Erhaltungswürdigkeit ihres Objektes wüßten, dann würden viele doch sorgfältiger damit umgehen. Also, raus auf die Alb, die lange geplante und immer wieder verschobene Dolinenkartierung ruft!

Literaturhinweise

  1. FAZ, 27.11.1996, S.13
  2. Leser, Hartmut u.a.: DIERCKE Wörterbuch der Allgemeinen Geographie, Band 2, N-Z, München, 5. Aufl. 1991, S. 300

Felsendome werden zur bizarren Wunderwelt

Altes Bergwerk: Fledermäuse überwintern mit Eiskruste

Die eiskalte Witterung der letzten zwei Wochen hat die Rabensteiner Felsendome bei Chemnitz in eine bizarre Wunderwelt verwandelt. Überdimensionale Eiszapfen in dem alten Kalksteinwerk verzaubern groß und klein gleichermaßen: Das von den Decken und Wänden laufende Tropfwasser gefriert im frostigen Luftzug der Gänge sofort zu Eis. So wachsen von oben und von unten meterlange Säulen. „Zwar hatten wir im vergangenen Jahr ähnliches zu bieten, aber nicht schon so zeitig im Winter und schon gar nicht in diesem Ausmaß“, erinnert sich Bergwerksführer Bernd Hartwig. „Kurz vor Weihnachten ging’s los“.

Jeden Morgen müssen er und seine Kollegen derzeit den Weg in das alte Schaubergwerk, das 1936 für Besucher öffnete, vom Eis befreien – mit Spitzhacken, etwas Salz und viel Muskelkraft. Den Besuchern zeigt der Bergwerksführer auch gern ein kleines biologisches Wunder: Zahlreiche Fledermäuse nutzen die Felsendome für ihren Winterschlaf. Aufgrund des frostigen Luftzuges im Eingangsbereich der Höhle sind in diesem Jahr selbst einige der kleinen Säugetiere der Spezies Braunes und Großes Langohr sowie Wasserfledermaus mit dünnen Eiskristallen übersät. „Das macht ihnen aber nichts aus“, versichert Hartwig. Die Fledermäuse passen in der kalten Jahreszeit wie viele Winterschläfer ihre Körpertemperatur der Umgebung an. Diese sinkt Ende Oktober, wenn die Fledermäuse ihre Winterquartiere aufsuchen, von rund 38 Grad Celsius auf drei bis neun Grad. Auf Sparflamme verbrauchen sie weniger Fettreserven. Im Inneren der Felsendome herrschen konstante Temperaturen von vier bis sechs Grad. Die Felsendome sind jedoch nicht nur im Winter ein beliebtes Ausflugsziel. Die 40000 Besucher des letzten Jahres interessierten sich auch für die Geschichte des Kalksteinabbaus. 1375 wurde der Kalkabbau erstmals urkundlich erwähnt. Der hier gewonnene Kalkstein wurde über die Jahrhunderte nicht nur als Baustoff, sondern auch als Farbstoff und Dünger genutzt. Höhepunkt ist der Besuch eines unterirdischen Sees in einer riesigen Halle. Der sogenannte Marmorsaal mit einer Deckenhöhe von 15 Metern wird nur von natürlichen Pfeilern abgestützt. Das Bergwerk ist seit Oktober 1995 wieder in Familienbesitz. Der neue und alte Eigentümer Robert Sallmann hatte die Felsendome zurückerhalten.

(dpa, nach Westfälische Nachrichten, Reisebeilage vom 11.1.1997, S.1)

Rapa Nui- Höhlenforschung im Paradies

Am 6. Januar flimmerte in unzähligen deutschen Wohnzimmern „Rapa Nui -Rebellion im Paradies“ über die Fernseher, der Film, der 1994 ein großes Interesse an der Osterinsel hervorgerufen hatte. Die „Höhlenperle“, immer auf der Höhe des Zeitgeistes, nimmt diesen Film daher zum Anlaß, sich mal etwas tiefer mit der Osterinsel zu beschäftigen, also mal in das Innere der Insel, das heißt, in die Höhlen zu schauen.

Weit draußen im Pazifik, genau auf 109º26´westlicher Länge und 27º9´südlicher Breite, ragt eine Insel aus dem Meer, die wegen ihrer Entdeckung am Ostermontag 1722 durch den holländischen Admiral Roggeveen „Osterinsel“ genannt wird. Entdeckung ist hier aber vielleicht doch nicht das richtige Wort, denn Herr Roggeveen stieß nicht auf ein menschenleeres Eiland, sondern auf Einwohner mit rätselhafter Herkunft und Kulturgeschichte.

„Vor einigen Millionen Jahren riß in den Tiefen des pazifischen Ozeans die dünne Erdkruste auf, Lavamassen überformten den Meeresgrund und türmten sich an einigen Stellen so gewaltig hoch auf, dass Inseln aus dem Meer wuchsen. Die Gesellschaftsinseln mit Tahiti und die Hawaii-Inselgruppe entstanden, und irgendwann erschien als einzige größere Insel auf dem ostpazifischen Rücken die Osterinsel. Sie ist also im Grunde nicht viel mehr als ein großer Lava-Brocken. … Das Gestein ist so porös, dass sich trotz der regelmäßigen und kräftigen Regenfälle kein Bachlauf bildet, denn das Wasser versickert über unterirdische Abflüsse“ 1.

Trotzdem bildeten sich in einigen der etwa siebzig Krater Kraterseen von bis zu 280 Metern Tiefe. Höhlen gibt es zahlreiche, ihre Entstehung ist jedoch unterschiedlich. Zum einen nagt natürlich der Ozean an dem Fetzelchen Land. Dadurch entstehen an der Küste verschiedene größere Grotten, eine davon kam auch öfters im Film vor. Andere scheinen hauptsächlich aus verwinkelten Klüften zu bestehen, wie die Schilderungen des Norwegers Thor Heyerdahl, der 1947 versuchte die Insel mit einem Floß von Südamerika aus zu erreichen, es nahelegen. Er war so von der Insel und ihren steinernen Kolossen fasziniert, dass er 1955/56 nochmals mit einem Expertenteam dorthin fuhr. Ihm verdanken wir heute die Grundlagen unseres Wissens über die Insel.

Eine Höhle, die auch im Film eine große Rolle spielt, ist die Jungfrauenhöhle. In ihr wurden junge Frauen lange Zeit eingesperrt, um ihre Haut zu bleichen, und sie so auf bestimmte religiöse Feste vorzubereiten. Der Eingang zur Jungfrauenhöhle Ana o Keke liegt an der östlichsten Spitze der Insel. Der Name bedeutet: „Höhle zur Inklination der Sonne.“ Nach einer waghalsigen Kletterei auf einem schmalen Felsband an einer sturmumtosten Klippe erreichte Heyerdahl schließlich eine Felsnase, und umrundete sie vorsichtig, im Vertrauen auf den Inselpfarrer Pater Sebastian, der ihm vorausgeklettert war, und der die Höhle schon einmal besucht hatte:

„Hier war nur ein einziger Tritt, etwas, was wie ein vertrockneter Erdklumpen aussah und von der Felswand durch einen tiefen Riß getrennt war. … Ich schlug versuchsweise mit dem Fuß dagegen, freilich nicht allzu kräftig. Dann schob ich den Kopf um die Felsnase – und da lag der Pater und lachte mir entgegen. Kopf und Schultern ragten aus einem Loch in der Wand, das gerade halb so hoch war wie der Eingang einer Hundehütte. … Dann rutschte er rückwärts in den engen Kanal, damit auch ich Platz bekäme, denn unter der Öffnung stürzte die Felswand senkrecht in die Tiefe. Ich schob mich bis zu dem Absatz vor der Höhle und zwängte mich nach ihm hinein. Lärm, Wind und Sonne verschwanden, es war fürchterlich eng, aber die Decke wölbte sich bald höher. Im Schoße des Felsens herrschte unerschütterliche Ruhe und Sicherheit. Ein schmaler Lichtstrahl schlüpfte herein, so dass wir einander im Halbdunkel erkennen konnten. Beim Schein der Taschenlampe sah ich, dass seltsame Zeichen und Figuren die Wände bedeckten. Das war also die Jungfrauenhöhle. Hier mussten einst die armen Mädchen wochen-, vielleicht gar monatelang sitzen und warten, bis ihre Haut so bleich wurde, dass man sie dem Volk vorstellen konnte. Die Höhle war nicht einmal eineinhalb Meter hoch und bot höchstens für ein Dutzend Kinder Platz, wenn sie sich an den Wänden entlang niedersetzten. … Die Höhle verzweigte sich, aber bald liefen die Gänge wieder zu einer schmalen Passage zusammen, durch die wir kriechen mussten. Dann hob sich die Decke, und wir befanden uns in einem langen Tunnel, der so hoch und geräumig war, dass wir laufen konnten, um Zeit zu sparen. … Tief drinnen im Berg kamen wir an eine Stelle, wo der Grund lehmig und von Wasser überspült war. Hier wurde die Decke immer niedriger. Wir mussten uns ducken und auf Händen und Füßen durch Wasser und Schlamm vorwärtskriechen. Aber dann wurde es noch flacher, und schließlich konnten wir uns nur noch auf den Bauch legen und unter den Felsmassen vorschieben, während das eiskalte Naß uns durch Hemd und Hosen drang. … Obgleich ich mit halbem Körper in Wasser und Schlamm lag, kam die Decke so tief herab, dass ich mich immer wieder vergeblich vortastete, ohne einen Ausweg zu finden. Die Taschenlampe war wasserdicht, aber es war hoffnungslos, das Glas sauber zu halten, wenn ich selber in den Morast gequetscht wurde. … Langsam drängte ich den Brustkorb hinein und spürte, dass ich zur Not noch weiterkäme, falls es nicht ärger würde. Während der Schlamm sich zur Seite schob, der harte Berg von oben und unten auf mich drückte, zwängte ich mich Zoll um Zoll durch den Spalt. … Ganze fünf Meter mussten wir uns durch diesen Schraubstock zwängen, der unsere Rippen umklammert hielt, dann waren wir durch das Nadelöhr, und kamen in den Teil, wo die Skelette lagen. Hier war es wieder trocken und mehr Platz unter der Decke, so dass wir abwechselnd auf allen Vieren und mit kleinen Schritten die Gänge entlangtappen konnten. … Der Gang endete schließlich in einer glatten, steilen Lehmwand, die zu einer Öffnung in der Decke hinaufführte. Nach mehrfachem Zurückrutschen gelang es mir endlich, mich hochzustemmen. Ich kam in eine kleine glockenförmige Kuppel, die aussah, als wäre sie von Menschenhand gemacht. Aber es war wieder nur eine Gasblase im Gestein. Hier hatte Pater Sebastian ein Lichtstümpfchen hinterlassen. Ich probierte Pater Sebastians Kerze, aber sie wollte nicht brennen. Auch mit den Streichhölzern stimmte etwas nicht. Ich fühlte, wie mir der Schweiß auf die Stirn trat; die Luft war schlecht hier drinnen. Schnell rutschte ich also den Lehmgang wieder hinunter zu meinem schlammbedeckten Gefährten, der auf mich wartete, und dann machten wir uns eiligst auf den Rückweg, so rasch es das elende Licht und die niedrige Decke zuließen. Wie wir da schlichen und krochen, sahen wir wie zwei Gestalten aus der Unterwelt aus, und so fühlten wir uns auch. Durch Wasser und Schlamm ging es mit Scherzworten wieder in die Spalte hinein, die zu dem scheußlichen Nadelöhr führte. Der Eingeborene folgte mir dicht auf den Fersen, Zoll um Zoll schraubten wir uns weiter. Wir spürten den gnadenlosen Griff der Felsen um unsere Brust, der sich nicht um Haaresbreite für zwei Menschenleiber öffnen wollte. Schon beim Hereinschieben war es ein langes Stück gewesen, jetzt aber kam es mir noch länger vor. Wir versuchten noch immer, die Sache spaßhaft zu nehmen; bald mussten wir ja durch sein. Aber ich fühlte mich unbehaglich naß und verschmiert, der Schweiß rann mir über die Stirn, und meine Kräfte gingen zu Ende. Die Luft war schlecht. Nach einer Weile verstummten wir, quälten uns nur noch damit ab, den Körper mit ausgestreckten Armen weiterzuschieben, ohne dass die Lampe in den Schlamm tauchte. War der Spalt zuvor nicht breiter gewesen? Merkwürdig, dass diese enge Passage immer weiter ging, dass wir nicht bald den äußeren Tunnel erreichten. Mein erschöpftes Hirn wunderte sich einen Augenblick darüber, während ich mich unablässig vorschob. Da sah ich beim schwachen Schein der Lampe, dicht vor meiner Nase, einen Knick nach aufwärts. Wie konnte man den Körper hier noch durchzwängen? Vielleicht war der Knick in umgekehrter Richtung viel leichter zu passieren gewesen, so dass ich gar nicht gemerkt hatte, wie schwer es sein würde, auf dem Rückweg durchzukommen. Seltsam, dass ich mich gar nicht daran erinnern konnte. 2

Mit aller Kraft stemmte ich den Körper ein Stück weiter und versuchte, in meiner verkrampften Stellung durch die Öffnung nach oben zu blicken, während Millionen Tonnen Fels auf mir lasteten. Zu meinem Schrecken merkte ich, dass hier irgend etwas nicht stimmte. Dieser Knick war unpassierbar.

‚Hier geht es nicht mehr weiter‘, sagte ich zu dem Mann, der dicht an meinen Fersen lag. Der Schweiß strömte mir über das Gesicht. ‚Nur weiter Señor‘, ächzte er, ‚es gibt keinen anderen Ausgang.‘ Ich presste mich noch ein winziges Stück vor, den Kopf zur Seite gedreht, um Platz zwischen den engen Steinflächen zu bekommen, meine Brust war teuflisch eingeklemmt. Da sah ich, als ich das Licht ein wenig hob, dass das Loch über mir viel kleiner war als mein Kopf. Hier war es ganz unmöglich durchzukommen…

‚Wir müssen zurück!‘ sagte ich zu meinem Hintermann. ‚Es geht hier nicht weiter‘. Er weigerte sich entschieden und bat mich inständig, weiterzukriechen; es sei der einzige Ausweg aus dieser Hölle. Das konnte nicht gut möglich sein. Ich knipste wieder die Lampe an, schob mich ein wenig zurück und betrachtete den Boden vor meinen Händen. Er sah aus wie eine Mischung aus Erde und halb trockenem Lehm. Der Abdruck meines Hemdes und der Knöpfe war deutlich zu sehen, auch die Spuren meiner Finger, so weit ich mich eben vorgetastet hatte. Aber weiter vorne lagen Lehm und Stein unberührt von Mensch und Tier. Ich löschte das Licht wieder. Die Luft war schwer, die Brust wie eingeschnürt. Gesicht und Körper troffen von Schweiß. War der uralte Höhlengang eingestürzt, weil wir gesprochen und uns durchgezwängt hatten? Wenn die Decke heruntergekommen war und den ganzen Weg vor uns versperrte, wie konnten wir uns wieder ans Tageslicht graben, wenn nicht einmal Platz war, um Lehm und Gestein an uns vorbei nach hinten zu schieben? Oder krochen wir den falschen Weg, der blind endete? Wie konnte das sein, wenn die Jungfrauenhöhle in dem Teil in dem wir uns befanden, nur einen einzigen Schlauch bildete, nicht breiter als ein Mann? Der Eingeborene versperrte mir den Rückweg und drückte nach. ‚Geh zurück!‘ schrie ich. Nun begann er die Nerven zu verlieren und schob an meinen Füßen. Er hatte ja das winzige Loch nicht gesehen, und ich konnte ihn auch nicht an mir vorbeilassen, damit er sich selber überzeugte. ‚Zurück! Zurück!‘

Der Mann hinter mir schien in Panik zu geraten. Ich schrie ihn an ‚So geh doch, geh!‘ und strampelte mit den Füßen. Das half endlich. Er schob sich Zoll um Zoll zurück, und ich folgte ihm. Langsam, mit kleinen Schüben nach rückwärts ging es dahin… Plötzlich hatten wir mehr Raum über uns, wieso begriff ich nicht. Mir war ganz wirr von der schlechten Luft. Konnten wir schon bei der Stelle mit den Skeletten sein? Ich ließ die Taschenlampe aufblitzen und sah zwei Öffnungen vor mir. Der rechte führte in einem sanften Knick nach oben. Hier hatten wir uns geirrt. Wir waren nach links statt nach rechts oben geschlüpft. Ich drehte mich nach dem Eingeborenen um, der sich automatisch weiter nach rückwärts schob.

‚Hier ist die Stelle!‘ rief ich und kroch wieder in den linken Eingang. Der Schacht wurde wieder enger und enger. Es war grauenhaft. Zum Schluss ließ ich die Lampe aufleuchten und sah vor mir genau dasselbe hoffnungslose kleine Loch. Da begriff ich, dass mein Hirn nicht mehr richtig funktionierte. Ich war zum zweitenmal in die falsche Röhre gekrochen, obwohl ich ganz genau wußte, dass ich den rechten Gang zu wählen hatte. ‚Wieder zurück!‘ stöhnte ich, und diesmal ging es bei uns beiden ganz von selbst… Als wir die beiden Gänge wieder sahen, kroch ich automatisch in die rechte Öffnung und bald konnten wir uns erheben, laufen, kriechen. Wir spürten den Zug frischer, kalter Luft im Tunnel, und schließlich schlüpften wir durch die Enge hinaus in die gemütliche Höhle mit den Zeichen an den Wänden, wo unsere Freunde auf uns warteten. Es war herrlich, sich aus der Felswand wieder herauszuzwängen in den brausenden Wind. Herrlich, in das blendende Sonnenlicht und die Unendlichkeit da draußen zu blicken, unter sich den jähen Abgrund und vor sich die unbegrenzte Weite von Himmel und Meer.“ 3

Neben dieser Höhle an der Küste, gibt es auf der Osterinsel aber auch im Landesinneren verschiedene Höhlen, die von den Inselbewohnern ebenfalls benutzt wurden. Nachdem Heyerdahls Expeditionsteilnehmer ihr Vertrauen erworben hatten, wurden ihnen auch diese Höhlen gezeigt. Schon früher hatten sie dem Pfarrer immer wieder historische Stücke aus diesen Höhlen verkauft, da ihnen bekannt war, dass er sich dafür interessierte. Ende des 18. Jahrhunderts erreichte Cook die Insel, und er fertigte auch die ersten Berichte über die unterirdischen Wohnhöhlen an:

„An mehreren Stellen entdeckten die Engländer Steinhaufen mit engen Spalten, die vielleicht in unterirdische Höhlen führten. Aber jedesmal, wenn sie sie näher untersuchen wollten, hinderten die einheimischen Begleiter sie daran… Kaum zwölf Jahre nach Cooks Besuch, im Jahre 1786 erschien der Franzose La Pérouse zu einer ähnlichen Blitzvisite…und man führte die Franzosen sogar in einige der engen Steinkatakomben, die die Engländer nicht hatten betreten dürfen.“

Die ersten Befahrungen dieser Unterkünfte in Notzeiten schildert Heyerdahl in seinem Buch so:

„Da die anderen schon in ihre Ausgrabungsarbeiten vertieft waren, sattelten wir nur vier Pferde, auf denen Eroria, Mariana, der Fotograf und ich losritten, um das Höhlensystem der Insel zu erkunden. Tagelang schlüpften wir von morgens bis abends in die finsteren Löcher hinein und wieder heraus. Manche öffneten sich so weit, dass man sich nur zu bücken brauchte, um einfach hineinzuspazieren, andere waren sorgfältig mit Steinen vermauert, so dass nur ein kleines viereckiges Schlupfloch übrigblieb, durch das man auf allen Vieren hinein kriechen musste. Die meisten aber waren die reinsten Rattenlöcher, in die man weder gehen noch kriechen konnte. Man musste die Beine mit durchgedrückten Knien hineinstrecken, die Arme über den Kopf ausstrecken und sich dann mit dem Körper auf Schlangenmanier durch einen langen und scheußlich engen Schacht vorschieben… Erst nachdem ich in mehrere dieser Höhlen hinabgestiegen war, lernte ich, eine Taschenlampe am Handgelenk befestigt mitzuschleifen. So konnte ich dann den engen Schacht übersehen, wenn ich ihn passiert hatte. Er war immer aus glatten Steinblöcken ohne Zement sauber zusammengefügt und wies einen genau quadratischen Querschnitt auf wie ein enger Schornstein. Vereinzelte Steine zeigten symmetrische Bohrlöcher; sie stammten offenbar von den Grundmauern der alten Schilfhütten. Das verriet, dass die Erbauer dieser Höhleneingänge ihr helles und idyllisches Schilfhaus niedergerissen hatten, um sich in den gruseligen Rattenlöchern einzunisten.“ 4

Wie lebten nun die Insulaner in diesen kleinen Löchern? Wie versorgten sie sich mit Wasser und wie verteidigten sie sich in diesen Löchern, und wie und von was ernährten sie sich? Heyerdahl besuchte auch einige dieser Höhlen; hier sein Bericht. Nachdem er sich durch den engen Eingangsschacht gezwängt hatte, steht er in einem größeren Raum:

„Der Boden war rutschig, und ich blieb schließlich wie blind im Dunkel stehen, wartete und horchte. Ich konnte vernehmen, dass der nächste bereits unterwegs war. Nach einer Weile stand die alte Mariana an meiner Seite und zündete ihre gewohnten Kerzenstummel an. Das half nicht viel… Sie gab mir ein Lichtstümpfchen und entzündete es an dem ihren. Wenn wir die Kerzen in der ausgestreckten Hand hielten, konnten wir allmählich die Krümmungen und Vorsprünge der Wand erkennen. Auf dem Boden lagen ein paar Lanzenspitzen. Inzwischen kam auch Eroria an. Sie brauchte ihre Zeit, ächzte und pustete im Schacht, aber sie kam. Sie wußte zu berichten, dass dies keine gewöhnliche Wohnung war, sondern ein Zufluchtsort in Kriegszeiten, denn hierhin konnte kein Feind jemals folgen. Nach der Dicke der hartgetretenen Abfallschicht am Boden der Höhle zu schließen, musste es sich um zahlreiche und langwierige Fehden gehandelt haben. Es wollte mir nicht in den Kopf, wie jemand auf die Idee kam, in Kriegszeiten in solche Rattenlöcher zu kriechen. Der Feind brauchte ja bloß den Schacht mit Steinen anzufüllen, und man war eingeschlossen für alle Zeit und Ewigkeit. Aber vermutlich kam es darauf an, diese Zufluchtsräume geheimzuhalten… Zwischen den Steinen in der einen Wand bemerkten wir ein kleines Loch. Ich kroch hinein, und Mariana und Eroria folgten mir auf den Fersen. Wir gelangten in eine zweite, größere Höhle, und nachdem wir uns auch dort durch ein kleines Loch in der Rückwand hindurchgewunden hatten, kamen wir schließlich in einen gewaltigen Raum, wo sich das Dunkel so hoch über uns wölbte, dass wir bei unserer Stearinkerzenbeleuchtung nicht bis zur Decke sehen konnten. Wir gingen weiter in den Berg hinein. An einzelnen Stellen war die Höhle breit wie ein Eisenbahntunnel, an anderen mussten wir über Steine und Lehm hinwegkriechen, uns dann wieder flach auf den Boden legen und vorsichtig weiterschieben, bis die Decke von neuem zu einem riesigen Raum anstieg… In einem der Räume floss ein Wasserlauf quer über unseren Weg. Er verschwand in einem Seitengang, den wir weiter verfolgten. Dort hatten die Menschen mit großer Mühe eine schmale Führungsrinne für das strömende Nass in den Boden der Höhle gehackt. Sie leitete zu mehreren kunstvoll ausgehauenen Becken, die offenbar als Waschschüsseln dienten… Ganz tief im Berg drinnen verzweigte sich das Höhlensystem, und die letzten Durchlässe nahmen die Form niedriger Katakomben mit flachem Boden an. Dach und Wände waren gleichmäßig gewölbt, ohne irgendwelche Vorsprünge und Unebenheiten. Sie wirkten wie von Menschenhand geschaffen, doch in Wirklichkeit waren es nur Gasblasen, die sich gebildet hatten, als die ganze Osterinsel eine einzige, glühende, flüssige Lavamasse war… Wir besuchten mehrere dieser riesigen Höhlen, deren einzelne Räume wie Perlen an einer Schnur immer tiefer in die Unterwelt führten. Immer wieder waren die Öffnungen in den Berg kunstvoll vermauert, so dass man enge, senkrechte oder im Zickzack verlaufende Gänge passieren musste, in denen jeder feindliche Eindringling wehrlos gewesen wäre. In einigen der größeren Höhlen stießen wir auf Wasser; zwei davon hatten richtige Teiche unter der Erde. Am Grunde einer dritten Höhle fanden wir einen gemauerten Brunnen mit eiskaltem Wasser, umgeben von einer Pflasterung und einer drei Meter hohen Mauerterrasse. In diesen großen Zufluchtsräumen hätte man bequem die gesamte Bevölkerung der Osterinsel unterbringen können, aber alles deutete darauf hin, dass die einzelnen Höhlenzugänge je einer bestimmten Familie oder Familiengruppe gehört hatten, und zwar zu einer Zeit, als blutige Bürgerkriege auf der Insel tobten, und niemand es wagte ruhig in seinem alten Schilfhaus zu schlafen. Während ich durch die riesigen, nachtdunklen Zufluchtskeller tappte, dachte ich mir, die Menschen auf dieser sonnigen Südseeinsel seien doch recht töricht gewesen, als sie eine solche Lösung wählten, statt droben im Licht mit ihren Nachbarn in Frieden zu leben. Aber dann musste ich an die Welt des zwanzigsten Jahrhunderts denken, wo wir auch so allmählich begonnen haben, uns Zufluchtsraum tief in die Erde zu graben, aus panischer Angst, weil wir und unsere lieben Nachbarn angefangen haben, mit der Atombombe zu spielen…“5

Literaturhinweise

  1. Tönnießen, Jens: Die Osterinsel, in: Naturschutz und Naturparke, Heft 2/1996, S. 12-18, S.13
  2. Heyerdahl, Thor: Aku-Aku. Das Geheimnis der Osterinsel, Berlin, Frankfurt, Wien, 2. Aufl. 1957, S. 76-79
  3. Heyerdahl, Thor: Aku Aku, Berlin, Frankfurt, Wien, 2. Aufl. 1957, S. 79-82
  4. vgl.ebd. S. 64-68
  5. Heyerdahl, Thor: Aku Aku, Frankfurt, Berlin, Wien, 2. Aufl. 1957, S. 69-71

Übersicht über höhlenkundliche Forschungen auf Mallorca in den Jahren 1993 bis 1996

Anmerkung

Dieser Artikel wurde nach der bislang letzten Forschungstour im Herbst 1996 niedergeschrieben.

Beschreibung der bisherigen Aktivitäten

Vor kurzem kehrte eine Gruppe süddeutscher Speläologen von einem Forschungsaufenthalt auf der beliebten Ferieninsel Mallorca zurück.

Seit 1993 fanden in Zusammenarbeit verschiedener Gruppen alljährlich im Herbst einwöchige Reisen nach Mallorca statt, deren Zweck speläologische und karstkundliche Arbeiten in den Höhlen der Insel waren.

In den vergangenen Jahren fokussierten die Forscher ihre Aufmerksamkeit auf die bekannte Schauhöhle Cueva de Artá im Gemeindebezirk Capdepera, die sich in der Steilküste im Südosten nur 35m über dem Meeresspiegel öffnet, die in Etappen neu vermessen und fotodokumentiert wurde. Die Länge dieses komplexen Systems beläuft sich nun auf 978 m, nachdem 1994 in der unteren Etage, dem „Inferno“, noch weitere Gänge entdeckt werden konnten.

Ein Teil des Teams befasste sich mit strukturgeologischen Aufnahmen, die Licht in die komplizierte tektonische Entwicklung der Region bringen konnte und anhand denen die Speläogenese rekonstruiert wurde. Während der alpidischen Orogenese kam es zu subaquatischen Translationsvorgängen, Faltenbildung und Überschiebungen, die die geologische Situation prägen. Die Cueva de Artá liegt nach augenblicklichen Erkenntnissen in einer isolierten, gefalteten Jura-Scholle. Das Scharnier der Antiklinalen lässt sich an der Decke der 80m langen Eingangshalle der Höhle ohne Schwierigkeiten erkennen. Wesentlicher Motor der Hohlraumbildung war die „Brackwasserkorrosion“, eine Sonderform der bekannten Mischungskorrosion, die ihre Ursache in der Vereinigung von Meerwasser (das im Normalfall stets mit gelöstem Kalk gesättigt ist) mit dem Karstgrundwasser hat. Durch die auch noch rezent andauernde Krustenhebung folgte die sukzessive Heraushebung des Karstkörpers mit der Höhle und eine Verlagerung der Hohlraumbildung von den oberen in die unteren Etagen der Cueva de Artá, die in einem schachtartigen Seitengang bis auf nur noch zwei Meter über dem Meeresspiegel befahren werden konnte, wo die Hohlraumerweiterung noch weiter fortschreitet.

Im Rahmen der Forschungen wurden auch mineralogisch-geochemische Analysen durchgeführt. So zeigen zahlreiche Sintergebilde durch den Kontakt mit Brandungsaerosolen chemische Alteration und sekundäre Mineralneubildungen. Im rasterelektronenmikroskopischen Bild fallen z.B. bizarr zerfressene Calcitkristalle auf, aus denen Gipskristalle und andere Evaporite erblühen. Intensiv rot und braun gefärbte Sinter wurden analytisch auf Eisen und andere Metalle untersucht, die aufgrund der Farbe darin erwartet wurden. Es wurden jedoch keine Elemente, die „farbige“ Ionen liefern, entdeckt, weshalb die Sinterfärbung auf Kristallgitterdefekte zurückgeführt wird.

Bei der aktuellen Forschungsreise 1996 widmeten sich die Teilnehmer neben einigen Schauhöhlen der Cova Tancada, die nicht vollständig vermessen werden konnte. Die Länge der Höhle jedoch liegt bei etwa 200 m und auch sie öffnet sich in einer Steilküste bei etwa 8 m ü. NN. Erschwert wurde die Erforschung durch die schweißtreibende Hitze in der Höhle und offensichtlich herabgesetzte Sauerstoffgehalte in den unteren Räumen. Die Untersuchungsergebnisse der geologischen Aufnahme unterstützen die Schlüsse, die aus den Arbeiten in der Artá gezogen worden waren. Tektonisches Leitelement ist hier die Abrisskante zwischen einer Antiklinalen und einer Verwerfung. Sehr schön kann die Entstehung durch Brackwasserkorrosion erkannt werden, da sich neben den geräumigen Höhlenteilen mit Korrosionsformen kleine Seitengänge mit Erosionsprofilen finden, die offenbar frisches Karstgrundwasser zugeführt haben. Die Cova Tancada liegt in einer triassischen Brekzie, bestehend aus Kalksteinklasten von etwa zwei Zentimetern Durchmesser (vereinzelt auch faustgroß) in einem carbonatischen Bindemittel.

Weitere Unternehmungen im reizvollen, jedoch aufgrund der Besitzverhältnisse teilweise schwer zugänglichen Karst Mallorcas sollen folgen.

Ein Besuch in Wookey Hole

Ich gebe es lieber gleich am Anfang ganz unumwunden zu: Ja, ich war in einer Schauhöhle! Und ich stehe auch dazu, denn Wookey Hole ist nicht irgendeine Schauhöhle, es ist ein historischer Ort, der einige Besonderheiten aufzuweisen hat, die einen Besuch rechtfertigen, meine ich jedenfalls. Doch wo befindet sich eigentlich die Stätte meines unrühmlichen Treibens?

Wookey Hole liegt in den Mendip Hills in Somerset, in Südwestengland, ca. 20 Meilen südlich von Bristol. Während auf der Oberfläche freundliche Apfelbäume stehen, auf denen die Äpfel für den wohlschmeckenden Cider wachsen, der eine Spezialität dieser Gegend ist, gehen im Untergrund seit langer Zeit schon bedeutende Dinge vor. Etwas weiter südlich, aber noch im gleichen Höhenzug, liegt die bekannte Cheddar Gorge, nach der der berühmte, aber nicht bei allen beliebte, Käse benannt ist, und im Vergleich zu ihr wirkt der Eingang zu Wookey Hole eher bescheiden. Auch der Ausgang, der immerhin auch die Quelle des Flusses Axe ist, der sich von hier aus durch das nördliche Somerset schlängelt, bis er in den Bristol Channel und damit in den Atlantik mündet, wirkt auf den Besucher eher idyllisch.

Während die Kelten noch trockenen Fußes bis zur Kammer 4 kamen, um dort einige ihrer Toten zu beerdigen, bildete sich später zwischen Kammer 3 und 4 ein Siphon, der ein Durchkommen unmöglich machte. Doch 1935 passierte hier etwas ganz unerhörtes: Ungehemmter Entdeckergeist trieb zwei verwegene Gestalten zum ersten Höhlentauchgang der Geschichte! Was jedoch für die damalige Zeit noch viel unerhörter war: Der erste Höhlentaucher war zugleich auch die erste Höhlentaucherin! Sie hieß Penelope Powell, und muss sich ihres kühnen Vorhabens wohl bewußt gewesen sein, denn auf dem Foto, dass sie kurz vor dem Tauchgang zeigt, grinst sie keck in die Linse, während der Kollege Graham Balcombe mit doch reichlich banger Miene daneben sitzt. Sie schafften es damals bis Kammer 7.

Später, 1948 gelang es ihnen mit im Zweiten Weltkrieg entwickelter Ausrüstung bis Kammer 9 und kurz darauf bis Kammer 11 vorzustoßen. Mit der weiteren Verbesserung der Tauchausrüstung und der Entdeckung, dass die rechte Mischung von Sauerstoff und Stickstoff beziehungsweise Helium Tauchen in größeren Tiefen erlaubt, drangen mutige Höfos immer weiter vor. Robert Parker erreichte 1985 bei 220 Fuß (etwa 68 Meter), die bisher tiefste Stelle der Höhle.

Wookey Hole ist jedoch nicht nur ein Meilenstein in der Geschichte des Höhlentauchens, es birgt auch ein statisches Wunder. Die Kammer 3, die im Grunde genommen ein riesiger Kolk ist, ist die Halle mit der für die geringe Höhe ausgedehntesten freitragenden Decke der Welt. Nach Berechnungen von Statikern müßte sie eigentlich schon längst eingefallen sein. Der Besucher erschauert und huscht schnell in den unübersehbaren Seitengang weiter, der ein merkwürdiges rechteckiges Profil aufweist. Und tatsächlich ist er eine der zahlreichen Spuren, die der Mensch in Wookey Hole hinterlassen hat. Die Vielzahl dieser Spuren erstaunt kaum, wenn man weiß, dass die erste beurkundete und bezahlte Besichtigung der Höhle schon 1703 stattfand. In den folgenden Jahren gossen die Führer dann Öl über die Wände, das sie anschließend entflammten, um ihre Gäste zu beeindrucken. Der Gelehrte und Poet Alexander Pope war davon so beeindruckt, dass er einige Stalaktiten mit Musketen von der Decke schießen ließ, um die künstliche Grotte in seinem Garten in einem Vorort von London damit auszuschmücken. Natürlich wurde auch sonst noch kräftig gebohrt und gesprengt, um den Zugang für die Besucher zu erleichtern.

Doch die Höhle rächte sich auf ihre Weise: Zwei Höfos mussten bisher ihren Forscherdrang mit dem Leben bezahlen.

Weitere Informationen:

General Manager
Wookey Hole Caves Ltd.
Wells/ Somerset BA5 1BB

Anm. d. Red.: Ein brillanter Beitrag zur Geschichte von Wookey Hole ist soeben erschienen in

SHAW, T.R. (1996): Why some caves become famous- Wookey Hole, England.- Cave & Karst Science 23(1),17- 23; Bridgwater.

So bezieht sich eine in einer Handschrift von Clemens von Alexandria (200 n. Chr.) erwähnte Höhle möglicherweise auf Wookey. Die Berühmtheit der an sich eher unscheinbaren Höhle basiert wohl vor allem auf ihrer Lage an einer seit Römertagen viel benutzten Straße, die einen vergleichsweise einfachen Zugang gestattete.