Die Schreiberhöhle (7226/06) bei Steinheim

Auch auf die Gefahr hin, dass die permanenten Lobs in dieser Ausgabe den Lesern zu Kopfe steigen, sei auch dieser Artikel den aktiven Forschungen der Arge Rosenstein gewidmet. Es soll auch gezeigt werden, dass auf der Schwäbischen Alb noch ein großes speläologisches Forschungspotential besteht, sofern man die Geduld zur Feinarbeit mitbringt.

Im Vorfeld des Forschungslagers auf der Charetalp galt es, eine Vermessungsübung zu organisieren, mit der besonders den Jung- Höfos im Haufen die subterrane Topographie nahegebracht werden sollte. Die Wahl fiel auf die Schreiberhöhle, weil diese durch Verzweigungen, Rundgänge, kleine Schächte etc. besonders gut geeignet schien, das Vermessen unter nicht allzu einfachen Bedingungen zu üben. Außerdem gab es bisher von dem Loch keinen exakten Höhlenplan. Auch der örtliche Verein hatte es in seiner 20-jährigen Geschichte nicht geschafft, die Schreiberhöhle aufzunehmen. Außerdem wuchs das Interesse an der Höhle nach dem Besuch unserer Bamberger Kollegen bei uns im Frühjahr, die uns berichteten, dass sie bei der touristischen Befahrung auf einen frisch ausgegrabenen neuen Teil gestoßen waren, der sich durch hübsche Versinterung auszeichnet.

Also schlug die Arge Rosenstein zu und ein eigenes Forschungsprojekt war geboren, das noch immer läuft und dieser Artikel ist als erster Zwischenbericht zu werten!

Bisher fanden drei Befahrungen am 19.07., 26.07. und 06.09.1997 statt, an der die Heubacher Höfos S. Bader, M. Dieth, J. Friedel, M. Gallasch, I. Sachsenmaier und R. Schuster teilgenommen haben. Die Höhle ist nun komplett mit dem Messzug, der sozusagen das „Skelett“ der Höhle bildet, erfaßt. Die Gesamtlänge aller unterirdischen Messstrecken beträgt 200,4 m und der tiefste Punkt liegt 8,3 m unter dem Eingangsniveau. Dieser Messzug ist als Anlage dem Bericht beigefügt (1 Grundriß im Maßstab 1 : 250 mit Tiefenangaben und ein Blockbild in isometrischer Darstellung), wobei die Nummern an den Messpunkten die relative Tiefenlage unter dem Koordinatenursprung (Messpunkt c1 an der Kante des Eingangsschachts) ausdrücken. Natürlich müssen von der Gesamtmessstrecke Ganganschnitte und halbe Hallenrundzüge subtrahiert werden, dafür kommen aber kleine Nischen und Ecken, in die keine Messlinien gelegt wurden, hinzu, so dass die Gesamtlänge der Höhlengänge ebenfalls bei etwa 200 Metern liegen wird.

Die Gangumrisse und der Höhleninhalt (Blockwerk, Tropfsteine etc.) müssen noch aufgenommen werden und ich hoffe, es finden sich auch hieran Interessierte.

Ein kleiner Ausflug in die Erforschungsgeschichte.

Entdeckt wurde die Höhle 1960, als die beiden hohen Schlote im Bereich der Eingangshalle bei Abbauarbeiten in dem kleinen Steinbruch angeschnitten wurden. Die Höhle wurde posthum nach dem Heidenheimer Höhlenforscher Walter Schreiber benannt (Binder, Frank & Müller 1960: 35- 37). Ein erster, freilich sehr skizzenhafter Plan entstand schon damals, der jedoch die Darstellung fast aller Seitenteile vermissen lässt.

Anfang der 70er Jahre trieb sich der Schwäbisch Gmünder Höfo Reinhold Kreuz in der Höhle herum, bewältigte den großen Versturz und entdeckte die Bisonhalle, die nach den Knochenresten der Urkuh benannt ist, die Kreuz dort fand. Ein weiterer Plan entstand, der alle damals bekannten Höhlenteile zeigt, jedoch deutliche Richtungsabweichungen aufweist (Kreuz 1974).

Wegen dieser Fehler vermaßen zwei Studenten der FHT Stuttgart im Jahr 1979 die Höhle erneut, wobei die Richtungsfehler ausgemerzt, jedoch die Nebenstrecken unsauber erfaßt wurden (Ruess 1986: 68).

1996 oder 1997 haben uns unbekannte Personen den Eingangsschluf in den nun „Makkaroniquetsche“ genannten neuen Teil freigelegt, in den von der InGO ein Messzug gelegt wurde. Es schien uns jedoch riskant zu sein, die Vermessung des neuen Teils an die bestehenden, fehlerhaften Pläne anzuhängen, weshalb nach einem Gedankenaustausch mit M. Ruess von der InGO, ein weiterer Grund gefunden war, die Liste der Pläne nun auch um einen von der Arge Rosenstein zu ergänzen. Mal sehen, wieviel Nachfolger wir finden werden…

Erster Überblick über die gewonnenen Forschungsergebnisse.

Die neuen Räume.

Nach dem Abstieg in den Eingangsschacht und dem Durchqueren der Eingangshalle, biegt man im Hauptgang links ab (Richtung N), bis nach einem kurzen Steilanstieg der Gangsohle, sich rechts (E) ein flacher, an einer Schichtfuge orientierter Schluf öffnet. Dieser leitet nach rund 3 m an eine Verzweigung. Rechts geht es nur durch einen kurzen Schluf zu einem Möchtegernschacht (harte 3 m tief), während links die eigentliche Fortsetzung der Höhle folgt. Nach einem neuerlichen Gangknick nach rechts, erreicht man die Grabungsstelle. Die Raumhöhe sinkt kurzfristig auf etwa 30 cm ab, aber man kommt noch mit dem Helm auf der Birne durch… Zum Glück kann man nach kurzer Strecke das Gesicht wieder aus dem Lehm- Verbruch- Gemisch auf der Gangsohle erheben und kommt dadurch in den Genuß, nun auch sehen zu können, wie der Schluf 4 m weit schräg nach oben führt und in eine Halle einmündet, die mindestens satte 7 m breit und deren 10 lang ist, wobei die Raumhöhe als Besonderheit nirgendwo auf mehr als 70 cm steigt. Zahlreiche der für die Schreiberhöhle typischen schneeweißen bis hellgelben Makkaronis und Sinterröhrchen bilden einen lebhaften Kontrast zu dem bräunlichen Gestein, nur dass in diesem neu entdeckten Raum die Sintergebilde sich noch in einem unverschmutzten und unbeschädigten Zustand präsentieren. Auf jeden Fall dürfte nun klar sein, warum diese neue Halle „Makkaroniquetsche“ heißt!

Makkaroniquetsche

 

An der westlichen Raumbegrenzung zieht ein niedriger Gang mit rechteckigem Inkasionsprofil Richtung NNE, der uns lebhaft an das Transportbehältnis des Heubacher Höfo- Treibstoffs erinnerte und deswegen „Bierkastenprofil“ heißt… Er endet im Sediment. Am Anfang des Ganges öffnet sich ein enges Loch zwischen Versturzblöcken, das steil abwärts Richtung W führt, nach knapp 3 m ebenfalls in die Hauptkluftrichtung NNE einschwenkt und nach einer Engstelle in einer winzigen Kammer endet. Die Engstelle wurde von uns am 26.07.97 höflich mit dem Geologenhämmerchen „überredet“, M. Gallasch als heldenhaften Erstbefahrer passieren zu lassen, der seinen Triumph mit einer in diesem Raum in pränataler Hockstellung konsumierten Kippe feierte!

Geologie.

Die Schreiberhöhle verspricht gute Informationen über die Karstentwicklung der Region zu liefern. Durch die Arbeiten von Dongus (1962, 1974) im Bereich Geomorphologie und vonBayer (1982) auf dem Gebiet der Tektonik, ist eine gute geowissenschaftliche Datenbasis vorhanden, die in Kürze mit eigenen Erhebungen korreliert werden soll. Eine ganz knappe Vorschau soll aber bereits zu diesem Zeitpunkt mit der dem augenblicklichen Forschungsstand gebührenden Vorsicht erfolgen. Es sei explizit betont, dass der Verfasser zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Textes noch keine strukturgeologische Aufnahme in der Höhle und ihrem Umfeld vorgenommen hat, die zur definitiven Beurteilung der Entwicklungsgeschichte erforderlich ist!

Die Höhlengänge der Schreiberhöhle werden überwiegend von Klüften geführt. Ich habe daher die Gänge als geologische Lineare aufgefaßt und die Richtungs- und Neigungswinkel der Messzüge, die in erster Näherung mit den Gangachsen zusammenfallen, in Richtungs- und Abtauchwerte der Lineare umgerechnet und graphisch dargestellt.

Gangrose

 

Aus der Gefügerose werden so die Gangrichtungshäufigkeiten besser ersichtlich als aus den Höhlenplänen und gut zu erkennen ist die Hauptrichtung NNE- SSW. Diese fällt offensichtlich mit dem rund 30° streichenden „rheinischen“ Kluftsystem (Streichen +/- parallel zum Rheingraben) zusammen. Orthogonal dazu steht das „herzynische“ Kluftsystem (parallel zur Südrandstörung des Harzes; ca. 120°), das sich auch in der Gangrose wiederfindet. Das dritte wichtige Kluftsystem in SW- Deutschland ist das „schwäbische“, dessen Streichrichtung bei rund 70° liegt und das auch in das Richtungsinventar der Höhle eingeflossen ist. Daneben tauchen aber auch noch weitere dominante Gangrichtungen auf, die sich nicht mit den drei großen Kluftsystemen decken. Es wird hier schon deutlich, wie wichtig die geplante strukturgeologische Feinaufnahme des Umfeldes um die Höhle ist. Zum Beispiel wäre es reizvoll, herauszufinden, inwiefern sich die Auswirkungen des Meteoriteneinschlags im Steinheimer Becken (an dessen Rand die Schreiberhöhle liegt) im Kluftspektrum bemerkbar machen.

Die drei „großen“ Kluftsysteme rheinisch- schwäbisch- herzynisch wurden, wie die Gangrose aufzeigt, vom Wasser benutzt, um die Höhle anzulegen. Demnach ist die Höhle jünger als die jüngste Kluftrichtung, was aufgrund der erhöhten Wasserwegsamkeit im Bereich von Klüften/ Störungen einleuchtend ist. Meine Untersuchungen im Bereich des Rosensteins haben gezeigt, dass das rheinische Kluftsystem älter ist als die beiden anderen (Musteraufschluß ist übrigens die Kleine Scheuer). Es entstand durch die Ausdünnung der Lithosphäre und die beginnende Öffnung des Rheingrabens durch ein WNW- ENE orientiertes extensionales Streßfeld. Die Extension begann im Eozän (in Zahlen: vor rund 40 Mio. Jahren). Durch plattentektonische Prozesse rotierte das Streßfeld im Laufe des Tertiärs und ab dem Miozän (vor 25 Mio. Jahren beginnend) kam es zur Herausbildung des herzynischen Kluftsystems. Das schwäbische System verdankt seine Entstehung anderen Ursachen: Es handelt sich um Durchpausungen alter Reliefstrukturen des variszischen Grundgebirges (Geyer & Gwinner1991: 249), denen demnach ein hohes, möglicherweise mesozoisches Alter zukommen könnte.

Jedoch, das jüngste datierbare Kluftsystem ist demnach das herzynische mit rund 25 Mio. Jahren, woraus folgt, dass dies das Höchstalter für die Höhlenbildung sein muß.

Die Höhle gliedert sich in zwei deutlich verschiedene Raumformen: Nahezu horizontale, Nord- Süd- orientierte Gänge mit stellenweise deutlichem Flußhöhlenprofil und davon abgegrenzte vertikale Schächte mit bis zu 6-7 m Tiefe. Letztere weisen deutliche Wasserstands- bzw. Korrosionsmarken auf. Das lässt auf eine signifikante Altersgliederung der Höhlenbildung schließen mit einer alten, fluviatilen- phreatischen Phase, bei der die Horizontalgänge ausgeräumt wurden und einer jüngeren vadosen Phase im Schwankungsbereich des Karstwasserspiegels.

Davon abzugrenzen sind die beiden Eingangsschächte (der östliche ist mit Balken abgedeckt und durchstößt die Erdoberfläche ca. 7 m vom Haupteingang entfernt auf halber Höhe der Steinbruchwand), die durch Durchschlagen des Hohlraums durch die zum Nachbruch neigenden dünnbankigen Kalke des Weißjura Zeta entstanden sind. Die von Kreuz gefundenen Wisent- Knochen zeigen an, dass die Höhle im Pleistozän bereits zur Erdoberfläche geöffnet war.

Die Horizontalgänge deuten auf eine Entwässerung nach Süden hin, in Richtung zur Tethys. Dies erfordert jedoch kein hohes Alter, dauerte doch die danubisch orientierte Entwässerung auf der Ostalb bis ins Altpleistozän an ( Geyer & Gwinner 1991: 252). Nach Dongus (1974: 60) erfolgte die Kappung des lokalen Vorfluters, der Ur- Brenz, durch den Kocher erst vor umgerechnet 150.000 Jahren. Die Höhle liegt aber hoch über der Kocher- Brenz- Talwasserscheide, ist also deutlich älter. Es wurde schon angedeutet, dass die Schächte zu einer Zeit entstanden, als der Karstwasserspiegel im Bereich der Höhle lag, also bei 615 m ü. NN und sich das Paläoflußsystem bereits in die Hauptoberfläche des nördlichen Albuchs eingetieft hatte. Das entspricht der „Ochsenbergstufe“ von Dongus (1962: 22). Dieses Flußsystem war ab dem unteren Torton aktiv und korreliert mit dem Horizontalgängen der Schreiberhöhle. An der Wende Torton/ Sarmat tiefte sich die nächste Talgeneration um ca. 30 m in das Hochtalsystem der Ochsenbergstufe ein und die Höhle begann trockenzufallen, die Bildung der Innenschächte der Höhle setzte ein. Um dem Leser den Genuß absoluter Jahreszahlen zu verschaffen: Das war vor rund 15 Mio. Jahren.

Weitere Untersuchungen müssen sich noch anschließen! Ich hoffe, die Forschungsaktivitäten erhalten weiterhin den regen Zuspruch wie bisher.

Literaturverzeichnis

Albrecht, R. (1980): Höhlen, Felsen und Ruinen.- 120 S., 89 Abb., 1 Tab.; Esslingen (Fleischmann).

Bayer, H.- J. (1982): Bruchtektonische Bestandsaufnahme der Schwäbischen Ostalb (Geländeuntersuchungen, Luftbild- und Satellitenbildauswertungen).- Diss. TU Clausthal; Clausthal- Zellerfeld.

Binder, H., & Frank, H., & Müller, K. (1960): Die Höhlen der Heidenheimer und der Ulmer Alb.- Jh. Karst- u. Höhlenkde 1: 35- 55, 27 Abb., 1 Tab.; Stuttgart.

Dongus, H. (1962): Alte Landoberflächen der Ostalb.- Forsch. dt. Landeskde. 134: 1- 71; Bad Godesberg.

Dongus, H. (1974): Die Oberflächenformen der Schwäbischen Ostalb.- Abh. Karst- u. Höhlenkde. A 11: 1- 114, 1 Taf.; München.

Eisbacher, G.H. (1996): Einführung in die Tektonik.- 2. Aufl., 374 S., 329 Abb.; Stuttgart (Enke).

Geyer, O.F. & Gwinner, M.P. (1991): Geologie von Baden- Württemberg.- 4. Aufl., 482 S., 255 Abb., 26 Tab.; Stuttgart (Schweizerbart).

Kreuz, R. (1974): Neuvermessung der Schreiberhöhle im Doschental (Schwäbische Alb, 7226/06).- Mitt. Verb. dt. Höhlen- u. Karstf. 20 (1): 11- 14, 1 Abb.; München.

Ruess, M. (1986): Exkursion B: Heuchstetter- und Schreiberhöhle.- Materialh. Karst- u. Höhlenkde. 4: 66- 71, 4 Abb.; Heidenheim. -[Enthält gute Beschreibung der Schreiberhöhle]

Ufrecht, W. (1980): Die Höhlen des Kartenblatts 1: 25000 7226 Oberkochen (Ostalb).- Laichinger Höhlenfreund 1980 (2); Laichingen.

Die Cosquer-Höhle bei Marseille

Die außergewöhnlichen Malereien in zwei in letzter Zeit in Südfrankreich entdeckten Höhlen stellen die bisherigen Kenntnisse über die Entwicklung der Kunst in der Steinzeit in Frage. Die eine der Höhlen, die „Grotte Cosquer“ soll im Folgenden etwas näher besprochen werden1.

Schon 1985 entdeckte Henri Cosquer den Eingang zu der später nach ihm benannten Höhle, doch erst lange nachher wurde die ganze Bedeutung dieses Fundes erkannt. Im Sommer 1991 entdeckte er nämlich auf einem Dia den ersten negativen Handabdruck. Daraufhin fand im Juni 1992 die erste wissenschaftliche Befahrung der Höhle statt. Sie hatte zum Ziel die Wandmalereien in Augenschein zu nehmen, Kohlestückchen zur Datierung aufzufinden, die Objekte und Strukturen des Bodens aufzunehmen und erste geologische Untersuchungen anzustellen.

Die zweite Phase der wissenschaftlichen Erforschung zog sich wegen der ungünstigen Witterung von Herbst 1994 bis Ende Dezember 1994 hin. Der Zugang zur Höhle war ohnehin schon schwer genug. Ein 150 Meter langer Schlauchtunnel führt 37 Meter unter dem Meeresspiegel in die Höhle, deren Eingang sich etwa 50 Meter von der Küste entfernt im Meer befindet und inzwischen, um das einmalige Kulturdenkmal in der Höhle zu schützen, von Tauchern der französischen Marine zugemauert wurde2. Trotzdem konnten folgende Vorhaben durchgeführt werden:

  • Die Einrichtung einer automatischen meteorologischen Station.
  • Die photogrammetrische Aufnahme.
  • Die Aufnahme mit dem Laser-Scanner „Soisic“, die es erlaubte eine dreidimensionale virtuelle Rekonstruktion der Höhle zu erstellen.
  • Die vollständige photographische Dokumentation der Wandmalereien.
  • Parallel dazu fand die vollständige Kartierung auch der unter Wasser gelegenen Teile der Höhle durch die beiden Taucher Thierry Betton und Luc Vanrell statt.

Im Lauf der Erforschung stellte es sich heraus, dass der wahrscheinlich bedeutendste Teil der Wandmalereien unglücklicherweise durch den Anstieg des Meeresspiegels vernichtet wurde. Zur Entstehungszeit der älteren Malereien lag der Meeresspiegel etwa 120 Meter tiefer Der Wasserstand war in der Höhle nie höher als heute, dadurch wurden in den bisher noch nicht überschwemmten Teilen die Spuren des Menschen der Steinzeit in einzigartiger Weise erhalten. Zahlreiche Spuren lehmverschmutzer Finger an den Wänden, zu Kugeln geformte und durch mit den Fingern gezogene Linien verzierte, danach jedoch weggeworfene Lehmbatzen, Spuren von schmutzigen Fingern auf der Mondmilch, das alles erweckt den Eindruck als sei der Platz von den Künstlern erst vor wenigen Tagen verlassen worden, tatsächlich dürfte Henri Cosquer aber der erste Mensch seit tausenden von Jahren gewesen sein, der sich dort aufhielt.

Nach den bisherigen Erkenntnissen fand die künstlerische Gestaltung der Höhle im wesentlichen in zwei Zeiträumen statt. Der ersten Phase, vor etwa 27000 Jahren und von noch unbestimmter Dauer, werden die zahlreichen Fingerspuren an den Wänden und die negativen Handabdrücke zugeordnet. Es wird auch vermutet, dass einige Tiere, hauptsächlich Pferde, und verschiedene geometrische Figuren in diese Epoche gehören, gesicherte Erkenntnisse liegen darüber jedoch nicht vor. Der Großteil der Kunstwerke stammt jedoch aus der zweiten Phase, von vor 18500 bis 19200 Jahren. Dabei sind nur ein Drittel aller Werke Kohlezeichnungen, bei der Mehrzahl (125 Einzelbildern) handelt es sich um Ritzzeichnungen. Auf den ersten Blick dominieren Pferdedarstellungen, gefolgt von Steinböcken und Gemsen sowie Bisons, Aurochsen und Rentieren.

„Die Tierzeichnungen in roter und schwarzer Farbe sind zu Jagdszenen gruppiert. (…) Die Zeichnungen haben einen anderen künstlerischen Stil als die bisher bekannten Steinzeit-Höhlenmalereien in Südwestfrankreich und Nordspanien. Die Pferde sind mit wehender Mähne dargestellt. Hirsche und Wisente sind erstmals nicht nur im Profil gezeichnet. Vielmehr wenden sie ihren Kopf in einer Drei-Viertel-Drehung dem Betrachter zu.“3 Eine der Besonderheiten stellen die Zeichnungen von Seehunden und Pinguinen dar. Auffällig sind auch mehrere geometrische Formen – Rechtecke mit aufgesetzten Dreiecken – die uns bisher so nur aus einem Heiligtum im Ural, nämlich der Kapova-Höhle bekannt waren. Die dortigen Zeichnungen werden jedoch auf ein Alter von etwa 14.000 Jahren geschätzt4. Diese geometrischen Figuren werden als Symbole einer Religion der Steinzeit-Menschen interpretiert. Besonderes Aufsehen erregte auch die Figur eines Mannes, der von einem Pfeil durchbohrt wird. „Bislang war man sich unter Steinzeitexperten einig, dass ein Pfeil in einer Wandmalerei als Ausdruck der Lebenskraft der gezeichneten Wesen gilt. Doch dieses Bild aus der Cosquer-Höhle bei Marseille ist nach den Untersuchnungen der Archäologen Jean Courtin und Jean Clottes augenscheinlich eine sehr frühe Gewaltdarstellung …“5

Nachbemerkungen

Die für den Artikel verwendete Literatur ist ab sofort im Vereinsheim der Arge Rosenstein jedem noch näher Interessierten zugänglich. Vor gut einem halben Jahr erschien im Verlag LeSeuil das Buch „La Grotte Cosquer“, in dem die Höhle und ihre Malereien ausführlich dargestellt werden. Die deutsche Ausgabe erschien ebenfalls bei Thorbecke und kostet leider 86 Mark. In allen benutzen Artikeln finden sich Bilder der Höhlenmalereien, die Artikel können im Vereinsraum eingesehen werden. Bei Virginie Contamine bedanke ich mich herzlich für die Hilfe mit dem französischen Originaltext.

Fußnoten

  1. Dabei stütze ich mich im wesentlichen auf den Artikel von Jaques Colina-Girard: La grotte Cosquer et les sites paléolithiques du littorial marseillais (entre Carry-le-Rouet et Cassis), in: Méditerranée, Nr.3/4, 1995, S.7-19, S.8. Die andere bemerkenswerte Höhle wird in dem Buch „Grotte Chauvet“ von Jean-Marie Chauvet, Éliette Brunel Deschamps und Christian Hillaire aus dem Thorbecke-Verlag (ISBN 3-7995- 9001-3) ausführlich besprochen.
  2. Bartsch, Hans: Eine Felsengrotte voller Steinzeit-Kunst, in: Rems-Zeitung, 25.10.1991
  3. Schröder, Eggert: Die geheimnisvolle Grotte bei Marseille, in: Berliner Morgenpost, 3.11.1991, S.64
  4. Birchall, Jim: Prehistoric art of Kapova Cave, Russia, in: The International Caver Magazine, Heft 16/1996, S.12-14
    (Auch erschienen in Birchall, J. & Richardson, M.: Russian cave art.- Caves & Caving66. Anm. R. Schuster)
  5. Siefer, Werner: Graffiti aus der Steinzeit, in: Focus, Heft 21/1994, S.142-146, S.143

Gericht beendet Streit um ein „Loch in der Landschaft“

Der folgende Zeitungsartikel1 fiel mir vor einigen Wochen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf, und ich finde alle Höhlenfreunde sollten dabei hellhörig werden. Zunächst aber einmal der Artikel im Wortlaut:

Gericht beendet Streit um ein „Loch in der Landschaft“

Sigmaringen, 26. November (dpa).

Im Streit um ein „Loch in der Landschaft“ hat jetzt ein schwäbischer Bauer gesiegt. Das Verwaltungsgericht Sigmaringen in Baden-Württemberg entschied: Das „Loch“ darf zugeschüttet bleiben. Dies berichtete Richter Otto-Paul Bitzer am Dienstag. Verloren hat den Rechtsstreit das Landratsamt Ravensburg. Der Bauer aus Wolfegg im Allgäu hatte ein 30 Meter breites , 60 Meter langes und 7,5 Meter tiefes Loch – eigentlich eher eine Mulde – auf seiner Wiese mit Erde zugeschüttet. Vom Landratsamt erhielt er die Aufforderung, die „unerlaubt in das Loch geschütteten 2000 Kubikmeter Erde“ wieder zu entfernen – es handle sich um ein „geologisches Denkmal“. Der Bauer wehrte sich. Er hatte das Loch – der besseren Bewirtschaftung wegen – zugeschüttet, und dabei sollte es auch bleiben. Das Landratsamt sah durch die Auffüllung die oberschwäbische Hügellandschaft gefährdet. Zu ihr gehören nach Auffassung der Behörde jene aus der Eiszeit stammenden „Löcher“.. Sie seien entstanden, als unterirdische Eismassen schmolzen und die Erde eingesackt sei, hieß es. In diesen „Toteis-Löchern“ bilden sich häufig Biotope mit seltenen Tieren und Pflanzen. Das Gericht nannte es in Anbetracht des enormen finanziellen Aufwandes „unverhältnismäßig“, von dem Bauern zu verlangen, das „Loch“ wieder freizulegen.

Soweit der Artikel aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Die indirekte Rede, in der das Gericht zitiert wird, erweckt ein bißchen das Gefühl, dass die Zeitung der Justiz in diesem Punkt nicht so ganz traut. Also schauen wir doch mal in einem einschlägigen Handbuch2 nach, was da so über „Toteis“ steht. Dort heißt es:

Toteis: 1. größere oder kleinere Eismassenreste eines Gletschers oder Inlandeises, die beim Eisrückzug und Zerfall des Gletschers bzw. Inlandeises von der Haupteismasse abgetrennt worden sind und oberflächlich lagernd oder unter Moränenmaterial verschüttet sich noch längere zeit halten können. Im Gefolge ihres Abschmelzens entstehen die Toteisformen.

Toteisformen: … oder aus kleineren Toteiskörpern, die unter Moränenschutt lagern, später auftauen und an der Oberfläche zu einem unruhigen Kesselrelief führen. Die dabei gebildeten unregelmäßigen gestalteten Hohlformen füllen sich mit Schmelz- und/oder Niederschlagswasser und bilden dann Seen bzw. Moore…

Na, scheint doch zu stimmen, was das Gericht gesagt hat. Aber welche Schlüsse ziehen wir daraus für die Speläologie? Das ist nicht allzu schwer. Man vergleiche doch mal das oben beschriebene „Loch“ mit, na sagen wir mal einer großen Doline. Die Doline ist zwar etwas tiefer, aber sonst sind doch verblüffende Ähnlichkeiten da, oder? Und auch ein ähnliches Schicksal ist nicht ausgeschlossen, klagten doch erst vor etwa eineinhalb Jahren noch offizielle Stellen über das immer noch immer wieder vorkommende Verfüllen von Dolinen auf der Alb. Dem oder den Bauern sei dabei gar nicht immer böse Absicht unterstellt. Wenn diese Objekte aber alle kartiert wären, wenn die Grundstückseigentümer von der Schutz- oder zumindest Erhaltungswürdigkeit ihres Objektes wüßten, dann würden viele doch sorgfältiger damit umgehen. Also, raus auf die Alb, die lange geplante und immer wieder verschobene Dolinenkartierung ruft!

Literaturhinweise

  1. FAZ, 27.11.1996, S.13
  2. Leser, Hartmut u.a.: DIERCKE Wörterbuch der Allgemeinen Geographie, Band 2, N-Z, München, 5. Aufl. 1991, S. 300

Felsendome werden zur bizarren Wunderwelt

Altes Bergwerk: Fledermäuse überwintern mit Eiskruste

Die eiskalte Witterung der letzten zwei Wochen hat die Rabensteiner Felsendome bei Chemnitz in eine bizarre Wunderwelt verwandelt. Überdimensionale Eiszapfen in dem alten Kalksteinwerk verzaubern groß und klein gleichermaßen: Das von den Decken und Wänden laufende Tropfwasser gefriert im frostigen Luftzug der Gänge sofort zu Eis. So wachsen von oben und von unten meterlange Säulen. „Zwar hatten wir im vergangenen Jahr ähnliches zu bieten, aber nicht schon so zeitig im Winter und schon gar nicht in diesem Ausmaß“, erinnert sich Bergwerksführer Bernd Hartwig. „Kurz vor Weihnachten ging’s los“.

Jeden Morgen müssen er und seine Kollegen derzeit den Weg in das alte Schaubergwerk, das 1936 für Besucher öffnete, vom Eis befreien – mit Spitzhacken, etwas Salz und viel Muskelkraft. Den Besuchern zeigt der Bergwerksführer auch gern ein kleines biologisches Wunder: Zahlreiche Fledermäuse nutzen die Felsendome für ihren Winterschlaf. Aufgrund des frostigen Luftzuges im Eingangsbereich der Höhle sind in diesem Jahr selbst einige der kleinen Säugetiere der Spezies Braunes und Großes Langohr sowie Wasserfledermaus mit dünnen Eiskristallen übersät. „Das macht ihnen aber nichts aus“, versichert Hartwig. Die Fledermäuse passen in der kalten Jahreszeit wie viele Winterschläfer ihre Körpertemperatur der Umgebung an. Diese sinkt Ende Oktober, wenn die Fledermäuse ihre Winterquartiere aufsuchen, von rund 38 Grad Celsius auf drei bis neun Grad. Auf Sparflamme verbrauchen sie weniger Fettreserven. Im Inneren der Felsendome herrschen konstante Temperaturen von vier bis sechs Grad. Die Felsendome sind jedoch nicht nur im Winter ein beliebtes Ausflugsziel. Die 40000 Besucher des letzten Jahres interessierten sich auch für die Geschichte des Kalksteinabbaus. 1375 wurde der Kalkabbau erstmals urkundlich erwähnt. Der hier gewonnene Kalkstein wurde über die Jahrhunderte nicht nur als Baustoff, sondern auch als Farbstoff und Dünger genutzt. Höhepunkt ist der Besuch eines unterirdischen Sees in einer riesigen Halle. Der sogenannte Marmorsaal mit einer Deckenhöhe von 15 Metern wird nur von natürlichen Pfeilern abgestützt. Das Bergwerk ist seit Oktober 1995 wieder in Familienbesitz. Der neue und alte Eigentümer Robert Sallmann hatte die Felsendome zurückerhalten.

(dpa, nach Westfälische Nachrichten, Reisebeilage vom 11.1.1997, S.1)

Rapa Nui- Höhlenforschung im Paradies

Am 6. Januar flimmerte in unzähligen deutschen Wohnzimmern „Rapa Nui -Rebellion im Paradies“ über die Fernseher, der Film, der 1994 ein großes Interesse an der Osterinsel hervorgerufen hatte. Die „Höhlenperle“, immer auf der Höhe des Zeitgeistes, nimmt diesen Film daher zum Anlaß, sich mal etwas tiefer mit der Osterinsel zu beschäftigen, also mal in das Innere der Insel, das heißt, in die Höhlen zu schauen.

Weit draußen im Pazifik, genau auf 109º26´westlicher Länge und 27º9´südlicher Breite, ragt eine Insel aus dem Meer, die wegen ihrer Entdeckung am Ostermontag 1722 durch den holländischen Admiral Roggeveen „Osterinsel“ genannt wird. Entdeckung ist hier aber vielleicht doch nicht das richtige Wort, denn Herr Roggeveen stieß nicht auf ein menschenleeres Eiland, sondern auf Einwohner mit rätselhafter Herkunft und Kulturgeschichte.

„Vor einigen Millionen Jahren riß in den Tiefen des pazifischen Ozeans die dünne Erdkruste auf, Lavamassen überformten den Meeresgrund und türmten sich an einigen Stellen so gewaltig hoch auf, dass Inseln aus dem Meer wuchsen. Die Gesellschaftsinseln mit Tahiti und die Hawaii-Inselgruppe entstanden, und irgendwann erschien als einzige größere Insel auf dem ostpazifischen Rücken die Osterinsel. Sie ist also im Grunde nicht viel mehr als ein großer Lava-Brocken. … Das Gestein ist so porös, dass sich trotz der regelmäßigen und kräftigen Regenfälle kein Bachlauf bildet, denn das Wasser versickert über unterirdische Abflüsse“ 1.

Trotzdem bildeten sich in einigen der etwa siebzig Krater Kraterseen von bis zu 280 Metern Tiefe. Höhlen gibt es zahlreiche, ihre Entstehung ist jedoch unterschiedlich. Zum einen nagt natürlich der Ozean an dem Fetzelchen Land. Dadurch entstehen an der Küste verschiedene größere Grotten, eine davon kam auch öfters im Film vor. Andere scheinen hauptsächlich aus verwinkelten Klüften zu bestehen, wie die Schilderungen des Norwegers Thor Heyerdahl, der 1947 versuchte die Insel mit einem Floß von Südamerika aus zu erreichen, es nahelegen. Er war so von der Insel und ihren steinernen Kolossen fasziniert, dass er 1955/56 nochmals mit einem Expertenteam dorthin fuhr. Ihm verdanken wir heute die Grundlagen unseres Wissens über die Insel.

Eine Höhle, die auch im Film eine große Rolle spielt, ist die Jungfrauenhöhle. In ihr wurden junge Frauen lange Zeit eingesperrt, um ihre Haut zu bleichen, und sie so auf bestimmte religiöse Feste vorzubereiten. Der Eingang zur Jungfrauenhöhle Ana o Keke liegt an der östlichsten Spitze der Insel. Der Name bedeutet: „Höhle zur Inklination der Sonne.“ Nach einer waghalsigen Kletterei auf einem schmalen Felsband an einer sturmumtosten Klippe erreichte Heyerdahl schließlich eine Felsnase, und umrundete sie vorsichtig, im Vertrauen auf den Inselpfarrer Pater Sebastian, der ihm vorausgeklettert war, und der die Höhle schon einmal besucht hatte:

„Hier war nur ein einziger Tritt, etwas, was wie ein vertrockneter Erdklumpen aussah und von der Felswand durch einen tiefen Riß getrennt war. … Ich schlug versuchsweise mit dem Fuß dagegen, freilich nicht allzu kräftig. Dann schob ich den Kopf um die Felsnase – und da lag der Pater und lachte mir entgegen. Kopf und Schultern ragten aus einem Loch in der Wand, das gerade halb so hoch war wie der Eingang einer Hundehütte. … Dann rutschte er rückwärts in den engen Kanal, damit auch ich Platz bekäme, denn unter der Öffnung stürzte die Felswand senkrecht in die Tiefe. Ich schob mich bis zu dem Absatz vor der Höhle und zwängte mich nach ihm hinein. Lärm, Wind und Sonne verschwanden, es war fürchterlich eng, aber die Decke wölbte sich bald höher. Im Schoße des Felsens herrschte unerschütterliche Ruhe und Sicherheit. Ein schmaler Lichtstrahl schlüpfte herein, so dass wir einander im Halbdunkel erkennen konnten. Beim Schein der Taschenlampe sah ich, dass seltsame Zeichen und Figuren die Wände bedeckten. Das war also die Jungfrauenhöhle. Hier mussten einst die armen Mädchen wochen-, vielleicht gar monatelang sitzen und warten, bis ihre Haut so bleich wurde, dass man sie dem Volk vorstellen konnte. Die Höhle war nicht einmal eineinhalb Meter hoch und bot höchstens für ein Dutzend Kinder Platz, wenn sie sich an den Wänden entlang niedersetzten. … Die Höhle verzweigte sich, aber bald liefen die Gänge wieder zu einer schmalen Passage zusammen, durch die wir kriechen mussten. Dann hob sich die Decke, und wir befanden uns in einem langen Tunnel, der so hoch und geräumig war, dass wir laufen konnten, um Zeit zu sparen. … Tief drinnen im Berg kamen wir an eine Stelle, wo der Grund lehmig und von Wasser überspült war. Hier wurde die Decke immer niedriger. Wir mussten uns ducken und auf Händen und Füßen durch Wasser und Schlamm vorwärtskriechen. Aber dann wurde es noch flacher, und schließlich konnten wir uns nur noch auf den Bauch legen und unter den Felsmassen vorschieben, während das eiskalte Naß uns durch Hemd und Hosen drang. … Obgleich ich mit halbem Körper in Wasser und Schlamm lag, kam die Decke so tief herab, dass ich mich immer wieder vergeblich vortastete, ohne einen Ausweg zu finden. Die Taschenlampe war wasserdicht, aber es war hoffnungslos, das Glas sauber zu halten, wenn ich selber in den Morast gequetscht wurde. … Langsam drängte ich den Brustkorb hinein und spürte, dass ich zur Not noch weiterkäme, falls es nicht ärger würde. Während der Schlamm sich zur Seite schob, der harte Berg von oben und unten auf mich drückte, zwängte ich mich Zoll um Zoll durch den Spalt. … Ganze fünf Meter mussten wir uns durch diesen Schraubstock zwängen, der unsere Rippen umklammert hielt, dann waren wir durch das Nadelöhr, und kamen in den Teil, wo die Skelette lagen. Hier war es wieder trocken und mehr Platz unter der Decke, so dass wir abwechselnd auf allen Vieren und mit kleinen Schritten die Gänge entlangtappen konnten. … Der Gang endete schließlich in einer glatten, steilen Lehmwand, die zu einer Öffnung in der Decke hinaufführte. Nach mehrfachem Zurückrutschen gelang es mir endlich, mich hochzustemmen. Ich kam in eine kleine glockenförmige Kuppel, die aussah, als wäre sie von Menschenhand gemacht. Aber es war wieder nur eine Gasblase im Gestein. Hier hatte Pater Sebastian ein Lichtstümpfchen hinterlassen. Ich probierte Pater Sebastians Kerze, aber sie wollte nicht brennen. Auch mit den Streichhölzern stimmte etwas nicht. Ich fühlte, wie mir der Schweiß auf die Stirn trat; die Luft war schlecht hier drinnen. Schnell rutschte ich also den Lehmgang wieder hinunter zu meinem schlammbedeckten Gefährten, der auf mich wartete, und dann machten wir uns eiligst auf den Rückweg, so rasch es das elende Licht und die niedrige Decke zuließen. Wie wir da schlichen und krochen, sahen wir wie zwei Gestalten aus der Unterwelt aus, und so fühlten wir uns auch. Durch Wasser und Schlamm ging es mit Scherzworten wieder in die Spalte hinein, die zu dem scheußlichen Nadelöhr führte. Der Eingeborene folgte mir dicht auf den Fersen, Zoll um Zoll schraubten wir uns weiter. Wir spürten den gnadenlosen Griff der Felsen um unsere Brust, der sich nicht um Haaresbreite für zwei Menschenleiber öffnen wollte. Schon beim Hereinschieben war es ein langes Stück gewesen, jetzt aber kam es mir noch länger vor. Wir versuchten noch immer, die Sache spaßhaft zu nehmen; bald mussten wir ja durch sein. Aber ich fühlte mich unbehaglich naß und verschmiert, der Schweiß rann mir über die Stirn, und meine Kräfte gingen zu Ende. Die Luft war schlecht. Nach einer Weile verstummten wir, quälten uns nur noch damit ab, den Körper mit ausgestreckten Armen weiterzuschieben, ohne dass die Lampe in den Schlamm tauchte. War der Spalt zuvor nicht breiter gewesen? Merkwürdig, dass diese enge Passage immer weiter ging, dass wir nicht bald den äußeren Tunnel erreichten. Mein erschöpftes Hirn wunderte sich einen Augenblick darüber, während ich mich unablässig vorschob. Da sah ich beim schwachen Schein der Lampe, dicht vor meiner Nase, einen Knick nach aufwärts. Wie konnte man den Körper hier noch durchzwängen? Vielleicht war der Knick in umgekehrter Richtung viel leichter zu passieren gewesen, so dass ich gar nicht gemerkt hatte, wie schwer es sein würde, auf dem Rückweg durchzukommen. Seltsam, dass ich mich gar nicht daran erinnern konnte. 2

Mit aller Kraft stemmte ich den Körper ein Stück weiter und versuchte, in meiner verkrampften Stellung durch die Öffnung nach oben zu blicken, während Millionen Tonnen Fels auf mir lasteten. Zu meinem Schrecken merkte ich, dass hier irgend etwas nicht stimmte. Dieser Knick war unpassierbar.

‚Hier geht es nicht mehr weiter‘, sagte ich zu dem Mann, der dicht an meinen Fersen lag. Der Schweiß strömte mir über das Gesicht. ‚Nur weiter Señor‘, ächzte er, ‚es gibt keinen anderen Ausgang.‘ Ich presste mich noch ein winziges Stück vor, den Kopf zur Seite gedreht, um Platz zwischen den engen Steinflächen zu bekommen, meine Brust war teuflisch eingeklemmt. Da sah ich, als ich das Licht ein wenig hob, dass das Loch über mir viel kleiner war als mein Kopf. Hier war es ganz unmöglich durchzukommen…

‚Wir müssen zurück!‘ sagte ich zu meinem Hintermann. ‚Es geht hier nicht weiter‘. Er weigerte sich entschieden und bat mich inständig, weiterzukriechen; es sei der einzige Ausweg aus dieser Hölle. Das konnte nicht gut möglich sein. Ich knipste wieder die Lampe an, schob mich ein wenig zurück und betrachtete den Boden vor meinen Händen. Er sah aus wie eine Mischung aus Erde und halb trockenem Lehm. Der Abdruck meines Hemdes und der Knöpfe war deutlich zu sehen, auch die Spuren meiner Finger, so weit ich mich eben vorgetastet hatte. Aber weiter vorne lagen Lehm und Stein unberührt von Mensch und Tier. Ich löschte das Licht wieder. Die Luft war schwer, die Brust wie eingeschnürt. Gesicht und Körper troffen von Schweiß. War der uralte Höhlengang eingestürzt, weil wir gesprochen und uns durchgezwängt hatten? Wenn die Decke heruntergekommen war und den ganzen Weg vor uns versperrte, wie konnten wir uns wieder ans Tageslicht graben, wenn nicht einmal Platz war, um Lehm und Gestein an uns vorbei nach hinten zu schieben? Oder krochen wir den falschen Weg, der blind endete? Wie konnte das sein, wenn die Jungfrauenhöhle in dem Teil in dem wir uns befanden, nur einen einzigen Schlauch bildete, nicht breiter als ein Mann? Der Eingeborene versperrte mir den Rückweg und drückte nach. ‚Geh zurück!‘ schrie ich. Nun begann er die Nerven zu verlieren und schob an meinen Füßen. Er hatte ja das winzige Loch nicht gesehen, und ich konnte ihn auch nicht an mir vorbeilassen, damit er sich selber überzeugte. ‚Zurück! Zurück!‘

Der Mann hinter mir schien in Panik zu geraten. Ich schrie ihn an ‚So geh doch, geh!‘ und strampelte mit den Füßen. Das half endlich. Er schob sich Zoll um Zoll zurück, und ich folgte ihm. Langsam, mit kleinen Schüben nach rückwärts ging es dahin… Plötzlich hatten wir mehr Raum über uns, wieso begriff ich nicht. Mir war ganz wirr von der schlechten Luft. Konnten wir schon bei der Stelle mit den Skeletten sein? Ich ließ die Taschenlampe aufblitzen und sah zwei Öffnungen vor mir. Der rechte führte in einem sanften Knick nach oben. Hier hatten wir uns geirrt. Wir waren nach links statt nach rechts oben geschlüpft. Ich drehte mich nach dem Eingeborenen um, der sich automatisch weiter nach rückwärts schob.

‚Hier ist die Stelle!‘ rief ich und kroch wieder in den linken Eingang. Der Schacht wurde wieder enger und enger. Es war grauenhaft. Zum Schluss ließ ich die Lampe aufleuchten und sah vor mir genau dasselbe hoffnungslose kleine Loch. Da begriff ich, dass mein Hirn nicht mehr richtig funktionierte. Ich war zum zweitenmal in die falsche Röhre gekrochen, obwohl ich ganz genau wußte, dass ich den rechten Gang zu wählen hatte. ‚Wieder zurück!‘ stöhnte ich, und diesmal ging es bei uns beiden ganz von selbst… Als wir die beiden Gänge wieder sahen, kroch ich automatisch in die rechte Öffnung und bald konnten wir uns erheben, laufen, kriechen. Wir spürten den Zug frischer, kalter Luft im Tunnel, und schließlich schlüpften wir durch die Enge hinaus in die gemütliche Höhle mit den Zeichen an den Wänden, wo unsere Freunde auf uns warteten. Es war herrlich, sich aus der Felswand wieder herauszuzwängen in den brausenden Wind. Herrlich, in das blendende Sonnenlicht und die Unendlichkeit da draußen zu blicken, unter sich den jähen Abgrund und vor sich die unbegrenzte Weite von Himmel und Meer.“ 3

Neben dieser Höhle an der Küste, gibt es auf der Osterinsel aber auch im Landesinneren verschiedene Höhlen, die von den Inselbewohnern ebenfalls benutzt wurden. Nachdem Heyerdahls Expeditionsteilnehmer ihr Vertrauen erworben hatten, wurden ihnen auch diese Höhlen gezeigt. Schon früher hatten sie dem Pfarrer immer wieder historische Stücke aus diesen Höhlen verkauft, da ihnen bekannt war, dass er sich dafür interessierte. Ende des 18. Jahrhunderts erreichte Cook die Insel, und er fertigte auch die ersten Berichte über die unterirdischen Wohnhöhlen an:

„An mehreren Stellen entdeckten die Engländer Steinhaufen mit engen Spalten, die vielleicht in unterirdische Höhlen führten. Aber jedesmal, wenn sie sie näher untersuchen wollten, hinderten die einheimischen Begleiter sie daran… Kaum zwölf Jahre nach Cooks Besuch, im Jahre 1786 erschien der Franzose La Pérouse zu einer ähnlichen Blitzvisite…und man führte die Franzosen sogar in einige der engen Steinkatakomben, die die Engländer nicht hatten betreten dürfen.“

Die ersten Befahrungen dieser Unterkünfte in Notzeiten schildert Heyerdahl in seinem Buch so:

„Da die anderen schon in ihre Ausgrabungsarbeiten vertieft waren, sattelten wir nur vier Pferde, auf denen Eroria, Mariana, der Fotograf und ich losritten, um das Höhlensystem der Insel zu erkunden. Tagelang schlüpften wir von morgens bis abends in die finsteren Löcher hinein und wieder heraus. Manche öffneten sich so weit, dass man sich nur zu bücken brauchte, um einfach hineinzuspazieren, andere waren sorgfältig mit Steinen vermauert, so dass nur ein kleines viereckiges Schlupfloch übrigblieb, durch das man auf allen Vieren hinein kriechen musste. Die meisten aber waren die reinsten Rattenlöcher, in die man weder gehen noch kriechen konnte. Man musste die Beine mit durchgedrückten Knien hineinstrecken, die Arme über den Kopf ausstrecken und sich dann mit dem Körper auf Schlangenmanier durch einen langen und scheußlich engen Schacht vorschieben… Erst nachdem ich in mehrere dieser Höhlen hinabgestiegen war, lernte ich, eine Taschenlampe am Handgelenk befestigt mitzuschleifen. So konnte ich dann den engen Schacht übersehen, wenn ich ihn passiert hatte. Er war immer aus glatten Steinblöcken ohne Zement sauber zusammengefügt und wies einen genau quadratischen Querschnitt auf wie ein enger Schornstein. Vereinzelte Steine zeigten symmetrische Bohrlöcher; sie stammten offenbar von den Grundmauern der alten Schilfhütten. Das verriet, dass die Erbauer dieser Höhleneingänge ihr helles und idyllisches Schilfhaus niedergerissen hatten, um sich in den gruseligen Rattenlöchern einzunisten.“ 4

Wie lebten nun die Insulaner in diesen kleinen Löchern? Wie versorgten sie sich mit Wasser und wie verteidigten sie sich in diesen Löchern, und wie und von was ernährten sie sich? Heyerdahl besuchte auch einige dieser Höhlen; hier sein Bericht. Nachdem er sich durch den engen Eingangsschacht gezwängt hatte, steht er in einem größeren Raum:

„Der Boden war rutschig, und ich blieb schließlich wie blind im Dunkel stehen, wartete und horchte. Ich konnte vernehmen, dass der nächste bereits unterwegs war. Nach einer Weile stand die alte Mariana an meiner Seite und zündete ihre gewohnten Kerzenstummel an. Das half nicht viel… Sie gab mir ein Lichtstümpfchen und entzündete es an dem ihren. Wenn wir die Kerzen in der ausgestreckten Hand hielten, konnten wir allmählich die Krümmungen und Vorsprünge der Wand erkennen. Auf dem Boden lagen ein paar Lanzenspitzen. Inzwischen kam auch Eroria an. Sie brauchte ihre Zeit, ächzte und pustete im Schacht, aber sie kam. Sie wußte zu berichten, dass dies keine gewöhnliche Wohnung war, sondern ein Zufluchtsort in Kriegszeiten, denn hierhin konnte kein Feind jemals folgen. Nach der Dicke der hartgetretenen Abfallschicht am Boden der Höhle zu schließen, musste es sich um zahlreiche und langwierige Fehden gehandelt haben. Es wollte mir nicht in den Kopf, wie jemand auf die Idee kam, in Kriegszeiten in solche Rattenlöcher zu kriechen. Der Feind brauchte ja bloß den Schacht mit Steinen anzufüllen, und man war eingeschlossen für alle Zeit und Ewigkeit. Aber vermutlich kam es darauf an, diese Zufluchtsräume geheimzuhalten… Zwischen den Steinen in der einen Wand bemerkten wir ein kleines Loch. Ich kroch hinein, und Mariana und Eroria folgten mir auf den Fersen. Wir gelangten in eine zweite, größere Höhle, und nachdem wir uns auch dort durch ein kleines Loch in der Rückwand hindurchgewunden hatten, kamen wir schließlich in einen gewaltigen Raum, wo sich das Dunkel so hoch über uns wölbte, dass wir bei unserer Stearinkerzenbeleuchtung nicht bis zur Decke sehen konnten. Wir gingen weiter in den Berg hinein. An einzelnen Stellen war die Höhle breit wie ein Eisenbahntunnel, an anderen mussten wir über Steine und Lehm hinwegkriechen, uns dann wieder flach auf den Boden legen und vorsichtig weiterschieben, bis die Decke von neuem zu einem riesigen Raum anstieg… In einem der Räume floss ein Wasserlauf quer über unseren Weg. Er verschwand in einem Seitengang, den wir weiter verfolgten. Dort hatten die Menschen mit großer Mühe eine schmale Führungsrinne für das strömende Nass in den Boden der Höhle gehackt. Sie leitete zu mehreren kunstvoll ausgehauenen Becken, die offenbar als Waschschüsseln dienten… Ganz tief im Berg drinnen verzweigte sich das Höhlensystem, und die letzten Durchlässe nahmen die Form niedriger Katakomben mit flachem Boden an. Dach und Wände waren gleichmäßig gewölbt, ohne irgendwelche Vorsprünge und Unebenheiten. Sie wirkten wie von Menschenhand geschaffen, doch in Wirklichkeit waren es nur Gasblasen, die sich gebildet hatten, als die ganze Osterinsel eine einzige, glühende, flüssige Lavamasse war… Wir besuchten mehrere dieser riesigen Höhlen, deren einzelne Räume wie Perlen an einer Schnur immer tiefer in die Unterwelt führten. Immer wieder waren die Öffnungen in den Berg kunstvoll vermauert, so dass man enge, senkrechte oder im Zickzack verlaufende Gänge passieren musste, in denen jeder feindliche Eindringling wehrlos gewesen wäre. In einigen der größeren Höhlen stießen wir auf Wasser; zwei davon hatten richtige Teiche unter der Erde. Am Grunde einer dritten Höhle fanden wir einen gemauerten Brunnen mit eiskaltem Wasser, umgeben von einer Pflasterung und einer drei Meter hohen Mauerterrasse. In diesen großen Zufluchtsräumen hätte man bequem die gesamte Bevölkerung der Osterinsel unterbringen können, aber alles deutete darauf hin, dass die einzelnen Höhlenzugänge je einer bestimmten Familie oder Familiengruppe gehört hatten, und zwar zu einer Zeit, als blutige Bürgerkriege auf der Insel tobten, und niemand es wagte ruhig in seinem alten Schilfhaus zu schlafen. Während ich durch die riesigen, nachtdunklen Zufluchtskeller tappte, dachte ich mir, die Menschen auf dieser sonnigen Südseeinsel seien doch recht töricht gewesen, als sie eine solche Lösung wählten, statt droben im Licht mit ihren Nachbarn in Frieden zu leben. Aber dann musste ich an die Welt des zwanzigsten Jahrhunderts denken, wo wir auch so allmählich begonnen haben, uns Zufluchtsraum tief in die Erde zu graben, aus panischer Angst, weil wir und unsere lieben Nachbarn angefangen haben, mit der Atombombe zu spielen…“5

Literaturhinweise

  1. Tönnießen, Jens: Die Osterinsel, in: Naturschutz und Naturparke, Heft 2/1996, S. 12-18, S.13
  2. Heyerdahl, Thor: Aku-Aku. Das Geheimnis der Osterinsel, Berlin, Frankfurt, Wien, 2. Aufl. 1957, S. 76-79
  3. Heyerdahl, Thor: Aku Aku, Berlin, Frankfurt, Wien, 2. Aufl. 1957, S. 79-82
  4. vgl.ebd. S. 64-68
  5. Heyerdahl, Thor: Aku Aku, Frankfurt, Berlin, Wien, 2. Aufl. 1957, S. 69-71

Übersicht über höhlenkundliche Forschungen auf Mallorca in den Jahren 1993 bis 1996

Anmerkung

Dieser Artikel wurde nach der bislang letzten Forschungstour im Herbst 1996 niedergeschrieben.

Beschreibung der bisherigen Aktivitäten

Vor kurzem kehrte eine Gruppe süddeutscher Speläologen von einem Forschungsaufenthalt auf der beliebten Ferieninsel Mallorca zurück.

Seit 1993 fanden in Zusammenarbeit verschiedener Gruppen alljährlich im Herbst einwöchige Reisen nach Mallorca statt, deren Zweck speläologische und karstkundliche Arbeiten in den Höhlen der Insel waren.

In den vergangenen Jahren fokussierten die Forscher ihre Aufmerksamkeit auf die bekannte Schauhöhle Cueva de Artá im Gemeindebezirk Capdepera, die sich in der Steilküste im Südosten nur 35m über dem Meeresspiegel öffnet, die in Etappen neu vermessen und fotodokumentiert wurde. Die Länge dieses komplexen Systems beläuft sich nun auf 978 m, nachdem 1994 in der unteren Etage, dem „Inferno“, noch weitere Gänge entdeckt werden konnten.

Ein Teil des Teams befasste sich mit strukturgeologischen Aufnahmen, die Licht in die komplizierte tektonische Entwicklung der Region bringen konnte und anhand denen die Speläogenese rekonstruiert wurde. Während der alpidischen Orogenese kam es zu subaquatischen Translationsvorgängen, Faltenbildung und Überschiebungen, die die geologische Situation prägen. Die Cueva de Artá liegt nach augenblicklichen Erkenntnissen in einer isolierten, gefalteten Jura-Scholle. Das Scharnier der Antiklinalen lässt sich an der Decke der 80m langen Eingangshalle der Höhle ohne Schwierigkeiten erkennen. Wesentlicher Motor der Hohlraumbildung war die „Brackwasserkorrosion“, eine Sonderform der bekannten Mischungskorrosion, die ihre Ursache in der Vereinigung von Meerwasser (das im Normalfall stets mit gelöstem Kalk gesättigt ist) mit dem Karstgrundwasser hat. Durch die auch noch rezent andauernde Krustenhebung folgte die sukzessive Heraushebung des Karstkörpers mit der Höhle und eine Verlagerung der Hohlraumbildung von den oberen in die unteren Etagen der Cueva de Artá, die in einem schachtartigen Seitengang bis auf nur noch zwei Meter über dem Meeresspiegel befahren werden konnte, wo die Hohlraumerweiterung noch weiter fortschreitet.

Im Rahmen der Forschungen wurden auch mineralogisch-geochemische Analysen durchgeführt. So zeigen zahlreiche Sintergebilde durch den Kontakt mit Brandungsaerosolen chemische Alteration und sekundäre Mineralneubildungen. Im rasterelektronenmikroskopischen Bild fallen z.B. bizarr zerfressene Calcitkristalle auf, aus denen Gipskristalle und andere Evaporite erblühen. Intensiv rot und braun gefärbte Sinter wurden analytisch auf Eisen und andere Metalle untersucht, die aufgrund der Farbe darin erwartet wurden. Es wurden jedoch keine Elemente, die „farbige“ Ionen liefern, entdeckt, weshalb die Sinterfärbung auf Kristallgitterdefekte zurückgeführt wird.

Bei der aktuellen Forschungsreise 1996 widmeten sich die Teilnehmer neben einigen Schauhöhlen der Cova Tancada, die nicht vollständig vermessen werden konnte. Die Länge der Höhle jedoch liegt bei etwa 200 m und auch sie öffnet sich in einer Steilküste bei etwa 8 m ü. NN. Erschwert wurde die Erforschung durch die schweißtreibende Hitze in der Höhle und offensichtlich herabgesetzte Sauerstoffgehalte in den unteren Räumen. Die Untersuchungsergebnisse der geologischen Aufnahme unterstützen die Schlüsse, die aus den Arbeiten in der Artá gezogen worden waren. Tektonisches Leitelement ist hier die Abrisskante zwischen einer Antiklinalen und einer Verwerfung. Sehr schön kann die Entstehung durch Brackwasserkorrosion erkannt werden, da sich neben den geräumigen Höhlenteilen mit Korrosionsformen kleine Seitengänge mit Erosionsprofilen finden, die offenbar frisches Karstgrundwasser zugeführt haben. Die Cova Tancada liegt in einer triassischen Brekzie, bestehend aus Kalksteinklasten von etwa zwei Zentimetern Durchmesser (vereinzelt auch faustgroß) in einem carbonatischen Bindemittel.

Weitere Unternehmungen im reizvollen, jedoch aufgrund der Besitzverhältnisse teilweise schwer zugänglichen Karst Mallorcas sollen folgen.

Ein Besuch in Wookey Hole

Ich gebe es lieber gleich am Anfang ganz unumwunden zu: Ja, ich war in einer Schauhöhle! Und ich stehe auch dazu, denn Wookey Hole ist nicht irgendeine Schauhöhle, es ist ein historischer Ort, der einige Besonderheiten aufzuweisen hat, die einen Besuch rechtfertigen, meine ich jedenfalls. Doch wo befindet sich eigentlich die Stätte meines unrühmlichen Treibens?

Wookey Hole liegt in den Mendip Hills in Somerset, in Südwestengland, ca. 20 Meilen südlich von Bristol. Während auf der Oberfläche freundliche Apfelbäume stehen, auf denen die Äpfel für den wohlschmeckenden Cider wachsen, der eine Spezialität dieser Gegend ist, gehen im Untergrund seit langer Zeit schon bedeutende Dinge vor. Etwas weiter südlich, aber noch im gleichen Höhenzug, liegt die bekannte Cheddar Gorge, nach der der berühmte, aber nicht bei allen beliebte, Käse benannt ist, und im Vergleich zu ihr wirkt der Eingang zu Wookey Hole eher bescheiden. Auch der Ausgang, der immerhin auch die Quelle des Flusses Axe ist, der sich von hier aus durch das nördliche Somerset schlängelt, bis er in den Bristol Channel und damit in den Atlantik mündet, wirkt auf den Besucher eher idyllisch.

Während die Kelten noch trockenen Fußes bis zur Kammer 4 kamen, um dort einige ihrer Toten zu beerdigen, bildete sich später zwischen Kammer 3 und 4 ein Siphon, der ein Durchkommen unmöglich machte. Doch 1935 passierte hier etwas ganz unerhörtes: Ungehemmter Entdeckergeist trieb zwei verwegene Gestalten zum ersten Höhlentauchgang der Geschichte! Was jedoch für die damalige Zeit noch viel unerhörter war: Der erste Höhlentaucher war zugleich auch die erste Höhlentaucherin! Sie hieß Penelope Powell, und muss sich ihres kühnen Vorhabens wohl bewußt gewesen sein, denn auf dem Foto, dass sie kurz vor dem Tauchgang zeigt, grinst sie keck in die Linse, während der Kollege Graham Balcombe mit doch reichlich banger Miene daneben sitzt. Sie schafften es damals bis Kammer 7.

Später, 1948 gelang es ihnen mit im Zweiten Weltkrieg entwickelter Ausrüstung bis Kammer 9 und kurz darauf bis Kammer 11 vorzustoßen. Mit der weiteren Verbesserung der Tauchausrüstung und der Entdeckung, dass die rechte Mischung von Sauerstoff und Stickstoff beziehungsweise Helium Tauchen in größeren Tiefen erlaubt, drangen mutige Höfos immer weiter vor. Robert Parker erreichte 1985 bei 220 Fuß (etwa 68 Meter), die bisher tiefste Stelle der Höhle.

Wookey Hole ist jedoch nicht nur ein Meilenstein in der Geschichte des Höhlentauchens, es birgt auch ein statisches Wunder. Die Kammer 3, die im Grunde genommen ein riesiger Kolk ist, ist die Halle mit der für die geringe Höhe ausgedehntesten freitragenden Decke der Welt. Nach Berechnungen von Statikern müßte sie eigentlich schon längst eingefallen sein. Der Besucher erschauert und huscht schnell in den unübersehbaren Seitengang weiter, der ein merkwürdiges rechteckiges Profil aufweist. Und tatsächlich ist er eine der zahlreichen Spuren, die der Mensch in Wookey Hole hinterlassen hat. Die Vielzahl dieser Spuren erstaunt kaum, wenn man weiß, dass die erste beurkundete und bezahlte Besichtigung der Höhle schon 1703 stattfand. In den folgenden Jahren gossen die Führer dann Öl über die Wände, das sie anschließend entflammten, um ihre Gäste zu beeindrucken. Der Gelehrte und Poet Alexander Pope war davon so beeindruckt, dass er einige Stalaktiten mit Musketen von der Decke schießen ließ, um die künstliche Grotte in seinem Garten in einem Vorort von London damit auszuschmücken. Natürlich wurde auch sonst noch kräftig gebohrt und gesprengt, um den Zugang für die Besucher zu erleichtern.

Doch die Höhle rächte sich auf ihre Weise: Zwei Höfos mussten bisher ihren Forscherdrang mit dem Leben bezahlen.

Weitere Informationen:

General Manager
Wookey Hole Caves Ltd.
Wells/ Somerset BA5 1BB

Anm. d. Red.: Ein brillanter Beitrag zur Geschichte von Wookey Hole ist soeben erschienen in

SHAW, T.R. (1996): Why some caves become famous- Wookey Hole, England.- Cave & Karst Science 23(1),17- 23; Bridgwater.

So bezieht sich eine in einer Handschrift von Clemens von Alexandria (200 n. Chr.) erwähnte Höhle möglicherweise auf Wookey. Die Berühmtheit der an sich eher unscheinbaren Höhle basiert wohl vor allem auf ihrer Lage an einer seit Römertagen viel benutzten Straße, die einen vergleichsweise einfachen Zugang gestattete.

Die Berichterstattung über die Blautopfbefahrungen im Herbst 1995 und Frühjahr 1996

Nein, hier soll nicht ein weiteres Kapitel einer unendlichen Geschichte geschrieben werden, und es soll auch nicht über geologische Fragen gefachsimpelt werden, die Frage ist vielmehr, wie stellte sich die Höhlenforschung in den letzten Monaten für einen außenstehenden aber interessierten Menschen dar? Welche Eindrücke wurden im Zusammenhang mit der Berichterstattung vermittelt? Und schließlich soll eine Bewertung versucht werden, welchen Nutzen diese ungewohnte Publizität für die Höhlenforschung vielleicht gehabt haben mag.

Dabei beschränkt sich diese kleine Untersuchung auf die Printmedien, versucht da aber ein möglichst breites Spektrum zu erfassen, wie aus der Liste der einbezogenen Artikel im Anhang hervorgeht. Sowohl lokale und regionale, wie auch bundesweit verbreitete Zeitschriften wurden einbezogen. Die Auswahl ist nicht willkürlich.

Im Nachhinein lässt sich die Berichterstattung in 4 Phasen gliedern:

  • Ende November/Anfang Dezember 1995, vor der geplanten ersten Tauchfahrt
  • Ende Dezember 1995, als Hasenmayer „Spuren eines Bachbetts mit scharfkantigem Rand“ entdeckte, die er als Argumente für seine Theorie heranzog.
  • Ende Februar/Anfang März, mit den erneuten Tauchgängen und der deutlichen Dokumentation des schon erwähnten Bachbettes
  • Ende April/Anfang Mai, mit der Berichterstattung über die Kritik an Jochen Hasenmayer

Die Fotos

Überschriften und Fotos sind in Zeitungen stets ein Blickfang, der die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich zieht. Daher soll auch hier der erste Blick einmal den Fotos gelten.

Speleonaut wird zu Wasser gelassen 3
Speleonaut im Quelltopf 5
Hasenmayer im Speleonaut 5
Speleonaut in der Werkstatt 3
Hasenmayer und Rampe für den Speleonaut 3
Höhlenplan 8
Bachbett 5

Wenn man sich diese Tabelle mit den häufigsten Bildern anschaut, fällt schnell auf, dass die „technische“ Seite des Unternehmens sehr betont wird. 14 Bilder zeigen technische Vorgänge mit und um den Speleonaut, oder den Speleonaut im freien Wasser. Der andere Teil der Bilder konzentriert sich auf die „geologischen“ Aspekte des Themas, den Höhlenplan, oder das für die Argumentation benutzte Bachbett.

Das vermutete Thermalwasserreservoir

Ein meines Erachtens nach wichtiger Punkt für die Höhlenforschung ist, dass in Presseberichten auch deutlich wird, dass trotz der Abenteuerlichkeit der Unternehmungen und dem touristischen Interesse an der Schönheit der Höhlen, zumeist auch ein wissenschaftliches Interesse gegeben ist, dass der Befahrung ein tieferer Zweck zugrunde liegt. Wie immer man auch zur Theorie Hasenmayers stehen mag, so muß man doch zugeben, dass die Befahrungen zum Zwecke der Untermauerung seiner Theorie mit Argumenten und Indizien unternommen werden. dass eventuell auch manchmal ein wirtschaftlicher Aspekt eine Rolle spielt, und manche Aktionen vielleicht mit mehr spektakulärem Aufwand als nötig betrieben werden, ist „mittlerweile ein durchaus legitimes und übliches Mittel die Forschungskasse aufzubessern“1 .Wie dem auch sei, Hasenmayers Vision einer umweltfreundlichen Wärmeversorgung Süddeutschlands scheint einigen Aufwand zu rechtfertigen. Wird dieses, von Hasenmayer angenommene mögliche positive Ergebnis seiner Forschungen aber auch in den Presseberichten aufgegriffen?

Alter der Höhle 13
Energie für Süddeutschland 16
davon im 1. Drittel des Artikels 6
davon im 2. Drittel des Artikels 3
davon im letzten Drittel des Artikels 6
ganzer Artikel bezieht sich darauf 1
Zitat „Riesenrummel um nichts.“ 3
Hasenmayer ist Laie und spekuliert (sinngemäß) 4

Wie die Tabelle zeigt, wird das Thema häufig aufgegriffen, während kritische Stimmen, hauptsächlich des Geologischen Landesamtes Baden-Württemberg, wenig zu Wort kommen, und wenn, dann stets nur als zweiter Blick auf das Thema. Auch die Plazierung im Artikel ist günstig, haben Untersuchungen doch gezeigt, dass, wenn der Artikel nicht vollständig gelesen wird, Anfang und Ende eines Artikels häufiger gelesen werden als der Mittelteil. Den Lesern müßte dieser wissenschaftliche Aspekt der Befahrungen also eigentlich aufgefallen sein.

Ein Punkt, der in den Presseberichten oft nicht deutlich wurde, geht auch aus der Tabelle nicht hervor. Zwar wurde wiederholt über die Diskussion um das Alter der Höhle berichtet, aber die Verbindung zwischen diesem Punkt und den möglichen Energiereserven wurde meist nicht richtig hergestellt. Viele Artikel erwähnen entweder den einen oder den anderen Punkt, oder beide, aber ohne den Zusammenhang zu erklären. Dabei ist dieser Zusammenhang höchst bedeutsam. Ein Vertreter des Geologischen Landesamtes formulierte das so: „Ein Beweis für riesige Thermalwasservorkommen unter der Molasse im Alpenvorland oder für ein erheblich höheres Alter der Verkarstung der dortigen Oberjura-Gesteine (nämlich unter der Molasse im nördlichen Alpenvorland) ist schwer zu erbringen.“2Die Annahme Hasenmayers, dass sich die Blauhöhle bis zu den von ihm unter der Molasse vermuteten Systemen erstreckt, fußt aber darauf, dass beide zur gleichen Zeit verkarstet sind: „Im Gegensatz zur geologischen Lehrmeinung diagnostiziert Hasenmayer, gestützt auf seine karsttheoretischen Arbeiten, ein mindestens 25 Millionen Jahre altes Höhlensystem, das die gesamte Alb untertunnelt und nach Süden weiterlauft bis unter den „Fuß“ der Alpen. In den bis zu mehreren tausend Meter tief abgesunkenen Juraschichten erstreckt sich, von der Erdwärme aufgeheizt, ein Heißwasser- Höhlennetz über eine Fläche von 25000 bis 30000 Quadratkilometern“3

Vergleich Focus – Spiegel

Die beiden großen deutschen Nachrichtenmagazine ließen es sich nicht nehmen, über die neuerlichen Befahrungen der Blauhöhle zu berichten. Da diese beiden Artikel vielleicht das größte Publikum erreichten, soll auf sie hier noch etwas näher eingegangen werden, was besonders dadurch interessant wird, dass schon in der Überschrift die Unterschiede deutlich werden: „Trübe Wasser“ titelte der Spiegel, während Focus unter „Auf den Grund gegangen“ Hasenmayer selbst zu Wort kommen ließ.

Im Focus beschreibt Hasenmayer in einer Mischung aus Erlebnisbericht und Wissenschaftsjournalismus seinen Tauchgang in den Blautopf und anschließend seine Theorie in Kurzform. Eine Konstruktionszeichnung des Speleonaut und ausführliche Beschreibung der Sicherheitssysteme nehmen dem Erlebnisbericht ein wenig den Touch des abenteuerlichen. Das Foto vom Bachbett wird als lang gesuchter „Altersbeweis“ präsentiert.

Anders dagegen im Spiegel. Das bekannte Faible der dortigen Autoren für griffige Formulierungen nimmt es mit den Fachtermini nicht so genau: Wassergrotten, Kavernen, Süßwasser- Orkus, Felsschlauch, Uterus der Erdmutter sind nur einige der zahlreichen Variationen und auch der Höhlentaucher selbst muß nicht immer als solcher bezeichnet werden: Bebrillter Thermalsucher, Süßwasser- Akrobat und Hohlraum- Experte scheinen dem Spiegel angemessene Synonyme zu sein. Der Unterschied wird auch deutlich, wenn man sieht, dass im Focus im Anschluß an Hasenmayers eigenen Artikel ein Interview mit einem Geologen der Universität Tübingen abgedruckt ist, der meint, „die These von Herrn Hasenmayer ist durchaus denkbar und keinesfalls völlig abwegig“, während im Spiegel Herr Storch vom Geologischen Landesamt deutlicher wird: „von Geologie hat er aber keine Ahnung“.

Wie bewerte ich nun die beiden Artikel? In meinen Augen haben beide negative Seiten: Während im Focus durch die etwas oberflächliche Art der Argumentation Widerspruch leicht gemacht wird, und so zu schnell das Bild der fleißigen, aber intellektuell etwas beschränkten Autodidakten entsteht, die aufgrund irgendwelcher Hirngespinste durch Schlamm und Wasser kriechen, gibt der Spiegel durch pejorative Formulierungen die ganze Zunft der Höhlenforscher der Lächerlichkeit preis, das Ergebnis bleibt das selbe: Höhlenforscher werden nicht als kompetent in Höhlenfragen gesehen und daher auch nicht zu Rate gezogen, wenn Entscheidungen gefällt werden.

Während meiner Ansicht nach also die Artikel in diesen beiden großen Zeitschriften wenig förderlich waren, so muß doch gesagt werden, dass die Berichterstattung in den regionalen und lokalen Zeitungen recht umfangreich und auch recht fundiert war. Dazu haben sicher nicht zuletzt Verbandsmitglieder beigetragen, die als freie Mitarbeiter das Material lieferten. In diesem Zusammenhang muß ich mich vielleicht auch noch bei Herrn Rahnefeld entschuldigen, da ich in einem anderen Beitrag in Mitteilungen des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher einen Artikel von ihm negativ erwähnte, wobei ich aber nun zugeben muß, dass dieses Beispiel schlecht gewählt war und nicht im richtigen Zusammenhang stand.

Mein Beitrag zur Diskussion soll der Anstoß sein, nun, da die Höhlenforschung durch die Blautopfbefahrungen einen gewissen Nachrichtenwert erhalten hat, diese Situation zu nutzen und fundierte Stellungnahmen besonders zu anderen, für die Höhlenforschung relevanter Themen an die Öffentlichkeit zu bringen.

Abschließend soll hier auch noch einmal die Pressemitteilung des Verbandes „Zum Thema Höhlentauchen und den Theorien von Jochen Hasenmayer“ abgedruckt werden, als Information aber auch als Leitlinie und Grundlage zur weiteren Diskussion.

Pressemitteilung

"Höhlentauchen gehört zu den schwierigsten Fachrichtungen der praktischen Höhlenforschung. Die Erforschung von Unterwasserhöhlen erfordert sehr viel Erfahrung und ein hohes Maß an Disziplin - ein Umstand, den sich viele ahnungslose Sporttaucher, die neuerdings in Unterwasserhöhlen drängen, nicht vor Augen führen. Jährlich verunglücken zahlreiche dieser unerfahrenen Sporttaucher in Höhlen. Jochen Hasenmayer hat mit seinen umsichtig und gut geplanten Unternehmungen auch internationale Maßstäbe gesetzt. Zudem zeichnet sich Hasenmayers Arbeit dadurch aus, dass er seine Entdeckungen in einen größeren theoretischen Rahmen stellt. Dies unterscheidet den Forscher vom Sportler. Es kann daher nicht im Sinne der deutschen Höhlenforscher sein, wenn Jochen Hasenmayer auf eine Stufe mit kriminellen Beweisfälschern wie Kujau - dem Fälscher der Hitler- Tagebücher - gestellt wird, wie dies neulich in einer privat gemachten Aussage des Geologen Bernd Krauthausen gegenüber der Presse geschehen ist.

Es wäre jedoch andererseits zu wünschen, dass die bisher nur mündlich vorgetragenen Theorien von Jochen Hasenmayer schnellstmöglich publiziert werden. Da es wissenschaftlicher Gepflogenheit entspricht, Forschungsergebnisse auch für andere Fachleute nachprüfbar zu machen, ist es weiterhin erforderlich, dass der Blautopf für andere qualifizierte, dem Verband angeschlossene Höhlentaucher zugänglich wird. Hier ist an die zuständigen Behörden zu appellieren, durch verantwortungsbewusstes Verhalten der augenblicklichen Kontroverse entgegenzuwirken.

Ein Beweis für riesige Thermalwasservorkommen unter der Voralpenmolasse oder für ein erheblich höheres Alter der Verkarstung der Schwäbischen Alb ist schwer zu erbringen. Es ist daher an der Zeit, weitere empirische Daten zu sammeln und diese in vertrauensvoller und unvoreingenommener Diskussion, z.B. mit den Fachleuten des Geologischen Landesamtes Baden-Württemberg, Stück für Stück zu einem neuen Wissensbild zusammenzutragen.

Eine neue Höhlentauchergeneration ist inzwischen dabei, Daten für eine unabhängige Neubeurteilung zu sammeln. Längst liegt hinter dem Blautopf nicht mehr die größte Wasserhöhle der Schwäbischen Alb. Mit mehr als 5 km erforschten Gängen ist dies eine Quellhöhle im oberen Donautal. Ihre systematische höhlenkundliche Dokumentation - übrigens von den Höhlentauchern ehrenamtlich in ihrer Freizeit erbracht - wird weitere wesentliche Erkenntnisse zu den o.ä. Fragestellungen liefern.

Um die Ausbildung und Zusammenarbeit zu gewährleisten, haben sich die deutschen Höhlentaucher im "Speläo-Aquanauten-Team" (SAT) zusammengeschlossen, einer Arbeitsgemeinschaft, die dem Verband angegliedert ist."

Fußnoten:

  1. Grimminger, Ralf: Exklusives aus den Höhlen, in: Südwest Presse Ulm, 16.12.1995, S. 29
  2. PD. Dr. D.H. Storch, in einem Brief an den Verbandsvorsitzenden vom 17.5.1995
  3. Hasenmayer, Jochen: Die heiße Spur im kalten Blautopf, in: Sonderdruck aus „Baden-Württemberg“ Heft 4/1986, S. 3-4

Untersuchte Artikel

Brueggen, Claudia: Es gibt noch ein zweites Labyrinth, in: Bild (Stuttgart) 27.2. 1996

Efler, Marcus: „Die These ist durchaus denkbar“, in Focus Heft 13/1996, S. 172

Hasenmayer, Jochen: Auf den Grund gegangen, in: Focus Heft 13/1996, S. 168-172

Kammgarn, Betina: Faszination Blautopf: Mit dem Mini-U-Boot ins Höhlenlabyrinth, in: Schwäbische Zeitung, 30.12. 1995

Kuehn, Dieter: Hasenmayer sucht Beweis für seine Theorie in der Tiefe, in Südwest Presse, 4.3.1996

Kurz, Tanja: Das Geheimnis des Blautopfs, in: Stuttgarter Nachrichten, 5.3.1996

N.N.: Taucherpech: Blautopf- Fotos verwackelt, in: Rems-Zeitung, 27.2. 1996

N.N.: Hasenmayer wieder im Blautopf unterwegs, in Rems-Zeitung, 27.2. 1996

N.N.: Hasenmayer nach Blautopffahrt: Beweis liegt auf dem Tisch, in: Reutlinger Generalanzeiger, 5.3.1996

N.N.: Hasenmayer ist sich sicher: Höhlen älter als angenommen, in: Geislinger Zeitung, 5.3.1996

N.N.: Blautopf-Fahrten für die Katz?, in: Reutlinger Generalanzeiger, 7.3.1996

N.N.: Hasenmayer erinnert den Wissenschaftler an von Däniken und Kujau, in: Schwäbische Zeitung, 22.3.1996

N.N.: Trübe Wasser, in: Der Spiegel, Heft 10/1996, S. 215-216

Rahnefeld, Michael: Höhlenforscher taucht ab, in: Schwarzwälder Bote, 24.4. 1996

N.N.: Höhlenfreunde kritisieren Hasenmayer: Schwäbische Zeitung, 26.4.1996

Rahnefeld, Michael: Verbandskritik an Hasenmayer, in Geislinger Zeitung, 29.4. 1996

Rahnefeld, Michael: Taucher Hasenmayer in der Kritik, in: Stuttgarter Nachrichten, 30.4.1996

Rahnefeld, Michael: Heftige Kritik an Hasenmayer, in Reutlinger Generalanzeiger, 2.5.1996

Rumbaur, Konrad: Höhlensucher Hasenmayer mit U-Boot abgetaucht, in: Stuttgarter Nachrichten, 26.2.1996

Rumbaur, Konrad: Höhlenforscher Hasenmayer machte vier Tauchgänge, in: Gmünder Tagespost, 26.2. 1996

Die Höhlen in den Matumbi Hills (Tanzania) und ihre Bedeutung für die Einheimischen

1. Vorbemerkungen

Die Matumbi Hills liegen im Südosten Tanzanias, im Bezirk Lindi unweit der Stadt Kilwa.Die dortigen Höhlen wurden kürzlich durch zwei Forschungsreisen untersucht. Zunächst 1994 durch eine kleine deutsch-türkische Gruppe1 und dann 1995 durch eine größere Gruppe mit vier deutschen und acht italienischen Teilnehmern2. Entstehung und Gestalt der Höhlen wurden dadurch weitgehend vollständig erfaßt und beschrieben.

Als Teilnehmer der zweiten Reise wurde ich von den Einheimischen wiederholt gefragt, warum ich mich mit diesen Höhlen beschäftige. Dadurch wiederum wurde ich angeregt mir Gedanken darüber zu machen, was für eine Bedeutung diese Höhlen im Leben der örtlichen Bevölkerung haben. Erste direkte Nachfragen blieben erfolglos, entweder wollte oder konnte man mich nicht verstehen. Langsam wurde es deutlich, dass die dortigen Menschen trotz ihrer auffallenden Höflichkeit und Freundlichkeit dem Fremden gegenüber doch eine gewisse Reserviertheit bewahren, sobald ihre Privatsphäre berührt wird. Trotzdem kristallisierten sich nach und nach einige Beziehungen der Einheimischen zu den Höhlen heraus.

2. Die Höhle als Schutz

2.1. Polizeiwachtmeister Thurmann und sein Interesse an den Höhlen

Über den Polizeiwachtmeister Thurmann wissen wir leider sehr wenig. Das, was wir wissen, verdanken wir kurzen offiziellen Mitteilungen im „Deutschen Kolonialblatt“. Wahrscheinlich im Zusammenhang mit den Unruhen 1905/1906 erhielt der Unteroffizier Thurmann das Militär-Ehrenzeichen 2.Klasse3. Von einem Heimaturlaub trat er am 11. Juli 1910 als Polizeiwachtmeister Thurmann die Wiederausreise von Deutschland nach Ostafrika an4. Nach seinen Höhlenerkundungen 1911 hielt er sich noch einmal in Deutschland auf, und reiste im November 1913 erneut nach Dar-es-Salaam aus5. Das letzte Mal hören wir von ihm, als er als kommissarischer Assistent 2. Klasse im März 1914 wieder im Schutzgebiet eintrifft6. Weitere Recherchen nach dem Verbleib Thurmanns brachten bedauerlicherweise kein Ergebnis. Das Familienarchiv der Thurmanns in Lippstadt, das dem dortigen Stadtarchiv durch den 1995 verstorbenen Dr. Erich Thurmann zur Verfügung gestellt wurde, enthält leider keine brauchbaren Hinweise. Einzig ein Heinrich Wilhelm Conrad Friedrich Thurmann käme den dortigen Aufzeichnungen zufolge überhaupt in Frage, aber er leistete seinen Militärdienst beim Braunschweigischen Husarenregiment No.17, 5. Eskadron von 1896-1897 ab7. Unveröffentlichte Aufzeichnungen Thurmanns, die möglicherweise weitere Höhlen betrafen, oder Details über das Verhältnis der Einheimischen zu den Höhlen offenbaren, konnten nicht gefunden werden.

2.2. Die Höhlen

Im Jahr 1910 schrieb der Missionar Ambros Mayer von der katholischen Mission Nambiligjain den Matumbi-Bergen an den Geheimen Bergrat Bornhardt einen ausführlichen Brief, in dem es heißt:

„Im August 1909 entdeckte Polizeiwachtmeister Weckauf von der Bezirksnebenstelle Kibata im Berge Nangoma, eine Stunde südwestlich von Nandembo, eine riesige Höhle, welche bisher allen das Land bereisenden Weißen, auch der Schutztruppe während des Aufstandes 1905/06, unbekannt geblieben war. In der Höhle konnten sich Tausende von Aufständischen mit Weibern, Kindern und genügenden Vorräten sicher verstecken, ohne von den rechts und links vorüberziehenden Truppen aufgestöbert zu werden“8.

Ende Februar 1910 besuchte Mayer die Höhle dann selbst, und fand in ihr auch noch Spuren des ehemaligen Lagers9.

Bei seiner „Bezirksbereisung“ 1911 kam der Polizeiwachtmeister Thurmann ebenfalls zurNangoma und er suchte überdies auch noch andere Höhlen in der Umgebung auf10. Das Hauptziel der auf dieser Reise angefertigten Lageskizzen der Höhlen war es wahrscheinlich, bei künftigen Unruhen einen schnellen Zugriff auf die Verstecke der Aufständischen zu ermöglichen, wie es Mayer schon in seinem Artikel 1910 andeutete:

„Je mehr man sich dem Höhlenberg Nangoma nähert, desto mehr tritt der unberürte Hochwald, eigentlich nur eine Parzelle hervor. Die Eingeborenen haben diese offenbar nur deshalb geschont, um den Eingang zur Höhle zu verdecken, tatsächlich dürfte die Höhle nicht einmal allen Matumbi-Leuten bekannt gewesen sein; wenigstens wurde sie vor allen Europäern streng geheim gehalten aus leicht erklärlichem Interesse, wie auch die Auffindung und Zugänglichmachung der Höhle für die Matumbi mehr bedeutet als eine empfindliche Niederlage, insofern als dadurch ein sicheres Versteck brachgelegt ist.“11

Wie wichtig die Aufdeckung dieses Verstecks für die Einheimischen gewesen ist, sieht man vielleicht auch daran, dass einige sich noch 1995 an Thurmann und Mayer erinnerten. So erzählte mir in Kipatimu der ungefähr 60 Jahre alte ehemalige Offizier Francis davon, dass ein gewisser Mayer über die Nangoma geschrieben habe, und die Einheimischen bei derNamaingo waren am ersten Tag äußerst mißtrauisch und unfreundlich, wie sich später herausstellte, weil sie Befürchtungen hegten, die Weißen würden irgendetwas im Schilde führen, und die Ausspionierung ihrer Höhlen sei nur ein erster Schritt. Sie erinnerten sich auch von selbst an den Namen Thurmanns, den sie als Thurmanni bezeichneten, und einer von ihnen kannte sogar noch die Überreste von angeblich durch Thurmanns Askaris angelegten Fallgruben, und erinnerte sich daran, dass Thurmann in Kibata gelebt habe.

3. Die Höhle als Jagdplatz und Wasserreservoir

In der Nangoma, ungefähr 200 Meter vom Eingang entfernt, fanden wir eine aufwendige Holzkonstruktion (vgl. Bild 1). Wir erfuhren, dass es sich dabei um eine Stachelschweinfalle handelte. Die Stacheln des Tieres spielen in weiten Teilen Afrikas eine bedeutende, aber mir nicht näher bekannte Rolle für Medizinmänner und Schamanen. Wir fanden sie in der nicht weit entfernten Chingya (lower cave) frei umherliegend. Die Einheimischen, die uns beim Vermessen in der Höhle begleiteten, sammelten sie fleißig auf und steckten sie sich dann in die Haare. Offensichtlich schien ihnen also etwas daran zu liegen, und wahrscheinlich wollte man sich aus gewissen Gründen nicht darauf verlassen, diese Stacheln immer nur zufällig zu finden.

Eine andere Höhle, die Wet Namaingo, dient der Bevölkerung als bis lang in die Trockenzeit hinein brauchbares Wasserreservoir. Normalerweise bedient man sich einfach an dem kleinen Bächlein, das etwas weiter hangaufwärts austritt und dann in der Höhle verschwindet. Nach und nach versiegt diese Quelle jedoch, und man muss sich ein Stück weit in die Höhle begeben. Der erste, wasserführende Teil ist aber nicht besonders lang, und somit musste man früher oder später doch noch auf die, auf der anderen Seite des Bergrückens liegendeKihangembembe-Quelle ausweichen. Mitte September 1995 hatte dieser Quelltopf eine Schüttung von ungefähr 30 Litern pro Sekunde12, die er, nach den Angaben der Einheimischen, über die gesamte Trockenzeit aufrecht erhält.

4. Metaphysische Bedeutung

Da dieser Aspekt der Höhlen wohl am meisten mit dem persönlichen Empfinden der Einheimischen verknüpft ist, war es hier auch am Schwersten Informationen zu bekommen. In einem sich zufällig ergebenden Gespräch unter vier Augen mit einem etwa 17/18 Jahre alten Einwohner von Nandete erfuhr ich jedoch soviel, dass der beeindruckende Eingang derNangoma für ihn ein Bild Gottes sei. Als ich ihn auf die zahlreichen Feuerstellen im Eingangsbereich ansprach, ließ er mich immerhin wissen, dass die Dorfbewohner, scheinbar vornehmlich jüngere Männer, sich gelegentlich dort aufhalten, um Feste zu feiern. Nun, sowas gibt es, sehr zum Ärger vieler Natur- und Höhlenschützer, auch in Deutschland, dennnoch handelt es sich dabei meiner Ansicht nach um eine andere Dimension. Während in den Industrie- und Freizeitgesellschaften Europas eher die Abenteuerlust13 oder auch die „romantischen“ Assoziationen und der lustvolle Schrecken14 beim Aufenthalt in der Höhle der Anreiz dazu sind, ist es in Tansania sicherlich eher die vermutete Manifestation des metaphysischen, die Höhle als heiliger Ort, der die Menschen dazu anregt, gerade dort bestimmte Feste zu feiern. Es ist auch bekannt, dass bei Tanga, im Norden des Landes, die Menschen Höhlen aufsuchen, um dort kleine Opfergaben zu deponieren15. Der Fund eines Tontopfes, der etwa zu zwei Dritteln im Lehmboden eines Seitenganges der Nangomasteckte, ist ein weiterer, wenn auch schwacher Hinweis auf eine sakrale Bedeutung der Höhle.

Überdies findet man in einem 1974 erschienen Artikel über Felszeichnungen in Tanzania16eine Liste dieser Felszeichnungen, in der drei von 18 Stellen mit dem Vermerk versehen sind, dass vor dem Betreten zunächst die örtliche Bevölkerung um Erlaubnis zu fragen sei. Darunter befinden sich auch die zwei der 18 Felszeichnungen, die an Höhlenwände gemalt wurden. Scheinbar verstärkt der Ort Höhle den sakralen Charakter der Zeichnungen.

Die Höhlennamen sind eher profan und zeigen keinesweg eine besondere kultische Bedeutung der Höhlen an. Den Namen der Nangoma leitete Mayer folgendermaßen her:

„Man glaubt plötzlich vor einem Portal zu stehen, dessen untere Hälfte verbarrikadiert ist von einem stehengebliebenen Stein, dessen Hinterseite in den Augen der Eingeborenen einer ngoma (Negertrommel) gleicht. Vielleicht hat von dieser den Neger besonders interessierenden Eigenheit die ganze Höhle mit ihrem Berge bzw. der ganze Berg mit seiner Höhle den Namen nangoma erhalten.“17

Der andere Höhlenname, dessen Bedeutung uns bekannt ist, der der Mampombo-Höhle. Wie uns einer unserer ortsansässigen Begleiter erzählte, sei dies der Name der Familie, die diese Höhle zuerst gefunden und gelegentlich benutzt habe, und der Familienname sei dann auf die Höhle übertragen worden. Die Namen der anderen Höhlen, so wurde mir von Abdallah Botori Mweyo (vgl. Kapitel 5) erklärt, seien einfach Namen, die keine weitere Bedeutung hätten.

5.Hoffnung auf Entwicklung durch Tourismus

5.1.Das Beispiel der Amboni Caves

Es gibt im Norden Tanzanias, in der Nähe der Küstenstadt Tanga, schon die Amboni Caves, die touristisch genutzt werden. Sie wurden ebenfalls durch die deutsch-türkische Gruppe 1994 kartiert18. Dabei stellte sich heraus, dass die Höhlen nicht, wie in so vielen Reiseführern angegeben, mehrere Kilometer lang sind, sondern eher bescheidene Dimensionen aufweisen: Amboni Cave 3B hat eine Länge von 112 m, Amboni Cave 2 von fast 900 m, und die hauptsächlich als Schauhöhle genutzte Amboni Cave 3A ist 620 m lang19. Die touristische Nutzung beschränkt sich hier auf einen befahrbaren Weg, der zu den Höhlen führt, einen offiziellen Höhlenführer und einige dauerhafte Einrichtungen im Eingangsbereich. Die Besucherzahl ist relativ klein, und in der Höhle gibt es kein elektrisches Licht, so dass ein ursprüngliches Gefühl von Höhlenbefahrung vermittelt wird.

5.2. Abdallah Botori Mweyo

Herr Mweyo wurde als Sohn eines nicht unbegüterten Bauers in der Nähe von Kipatimugeboren. Dort ging er auch zur Schule. Gerne hättte er eine weiterführende Schule besucht, da sein Vater jedoch schon eine Heirat für ihn vorgesehen hatte, war dies nicht möglich. Er bleib jedoch auch über seine Schulzeit hinaus an mehr als seinem direkten Lebenserhalt interessiert. Durch einen Zeitungsartikel über die Amboni Caves wurde sein Augenmerk auf die Höhlen in der Nachbarschaft Kipatimus gelenkt, und er versuchte darüber so viel Informationen wie möglich zu erlangen. Im Jahr 1985 schrieb er das erste Mal an das zuständige Ministerium, und ersuchte um Experten, die die Höhlen bearbeiten sollten, damit später eine touristische Nutzung der Höhlen erfolgen könnte. Davon erhofft er sich auch heute noch einen allgemeinen Aufschwung für die ganze Region.

Bei der zweiten der oben erwähnten Forschungsreisen stellte sich uns Herr Mweyo nach einigen Tagen vor. Danach war er uns eine wertvolle Hilfe beim Aufffinden einiger neuer Höhlen, wie den beiden Namaingo– und den beiden Chingya-Höhlen und durch seine immerhin ausreichenden Englischkenntnisse, bei der Verständigung mit den Einheimischen.

5.3. Pläne des Antiquities Unit

Der Leiter des Antiquities Unit, Dr. Waane, stand beiden Forschungsreisen aufgeschlossen und hilfreich zur Seite, wofür ihm an dieser Stelle nochmals gedankt sei. Selbstverständlich wurden ihm die jeweiligen Ergebnisse mitgeteilt. In einem Brief vom 1.12.1995 berichtete Dr. Waane dem Verfasser dann die aufgrund dieser Ergebnisse geplanten Schritte:

  • „Die Höhlen in dem Gebiet zu kartieren um verläßliche Karten über ihre Ausdehnung zu besitzen. (Dies wurde mit der Hilfe von Mr. Laumanns bewerkstelligt)
  • Maßnahmen einzuleiten, um das Gebiet unter den Schutz des „Antiquities Act“ von 1964 zu stellen
  • Touristen zu ermutigen, die Höhlen zu besuchen, und weiter zu erforschen.
  • Den Tanzania Tourist Board und die Tanzania Tourist Division anzuhalten diese Höhlen in den für den südlichen Bereich des Gesamtplanes für Tourismus in Tanzania geplanten Maßnahmen aufzunehmen, und anderweitig zu unterstützen.“20

Eine pessimistische Sicht dieser vagen Vorhaben lässt wahrscheinlich nicht mehr als die Erwähnung der Höhlen in irgendeinem Prospekt zu. Die schwer zugängliche Lage der Höhlen, und ihre vergleichsweise Schlichtheit, wird voraussichtlich kaum Besucher anziehen. Auch die Unterschutzstellung wird außer beschriebenem Papier wohl kaum Auswirkungen haben.

Selbst Optimisten können von diesen Aussagen wohl kaum auf die von Herrn Mweyo erhoffte Verbesserung der Anbindung Kipatimus an die Straße Dar-es-Salaam – Kilwa oder an dasSelous Game Reserve schließen, geschweige denn auf die touristische Vermarktung von ein oder zwei der Höhlen und die strenge Überwachung der Unterschutzstellung der übrigen Objekte. Alles was Geld kostet, wird dort vorerst wahrscheinlich unterbleiben.

Der umstrittene Ausgang21 der Präsidentenwahlen vom 29.10.1995 wird die schon vorher schwierige wirtschaftliche Lage22 nicht gerade verbessern. Im Gegenteil, die nun auftretenden Zweifel an der Stabilität der tansanianischen Gesellschaft23, werden ausländische Investoren, die gerade bei der eben erst angelaufenen großangelegten Privatisierung dringend gebraucht würden, eher abschrecken. Die Transportprobleme eines kleinen Dorfes in einer abgelegenen Provinz rangieren jetzt ganz weit unten.

Die Mitte der 70er Jahre in Tansania einsetzende Tendenz, von der auf Verkauf auf die auf Selbstversorgung ausgerichtete Landwirtschaft umzuschwenken, und die weitaus einfacheren Möglichkeiten der näher am städtischen Zentrum Dar-es-Salaam gelegenen Landwirte, den Schwarzmarkt zu beliefern24, wird die Notwendigkeit eines zweiten Erwerbszweiges, neben der Landwirtschaft, in Kipatimu aber noch erhöhen.

6. Schlußbemerkungen

Gerade als dieser Beitrag fertiggestellt war, erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Bericht über den mit Hilfe der Europäischen Union erstellten Tourismus – Gesamtplan. Dort heißt es: „In den nördlichen Nationalparks entstehen jetzt für umgerechnet 50 Millionen Mark drei Lodges und ein Zeltcamp. Auf Sansibar wird ein neues Hotel gebaut. Zudem verhandelt das Tanzania Tourist Board mit mehreren internationalen Gruppen über den weiteren Bau von Hotels in Daressalam.“25 Der Süden liegt offensichtlich nicht im Blickfeld der Planer.

Meinen besonderen Dank möchte ich an dieser Stelle nochmals den Menschen aussprechen, die die Erstellung dieses Artikels ermöglicht haben: Michael Laumanns für die Organisation der Reise und verschiedene wertvolle Informationen, Herrn Mweyo für zahlreiche Hinweise und Anmerkungen, Roger Schuster für die kritische Durchsicht des Manuskripts, dem Personal des Stadtarchivs Lippstadt und Frau Christa Thurmann für die freundliche Hilfe, Daniel Gebauer für das Überlassen der Pläne und Herrn Dr. S.A.C. Waane für die bereitwillige Auskunft.

Fußnoten

  1. Laumanns, Michael: Tansania 1994, deutsch- türkische Expedition zu den Matumbi Hills und nach Tanga, in: Mitteilungen des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher, Jahrg. 41, Heft 4/1991, S. 86- 94
  2. Laumanns, Michael: Tansania 1995. Deutsch- italienische Expedition in die Matumbi Hills, in: Mitteilungen des Verbandes der deutschen Höhlen- und Karstforscher, Jahrg. 42, Heft 1/1996, S. 2- 9
  3. vgl. Deutsches Kolonialblatt, Jahrg. 18, Nr. 18, 15.9.1907, S. 882
  4. vgl. Deutsches Kolonialblatt, Jahrg. 21, Nr. 15, 1.8.1910, S. 688
  5. vgl. Deutsches Kolonialblatt, Jahrg. 24, Nr. 23, 1.12.1913, S. 1027
  6. vgl. Deutsches Kolonialblatt, Jahrg. 25, Nr. 6, 15.3.1914, S. 216
  7. So zu lesen im Militärpaß von Wilhelm Thurmann, der sich im Band 2 der Stammtafeln des Dr. Erich Thurmann befindet
  8. Mayer, Ambros: Entdeckung einer großen Höhle in den Matumbi- Bergen, in: Deutsches Kolonialblatt, Nr. 21/ 1910, S. 654- 656, S. 654
  9. ebd., S. 656
  10. Thurmann: Weitere Höhlenforschungen in Deutsch- Ostafrica, in: Deutsches Kolonialblatt, Nr. 22/1911, S. 660- 661
  11. Mayer, Ambros: a.a.O., S. 654
  12. Schätzung durch Daniel Gebauer
  13. vgl. Cube, Felix von: Gefährliche Sicherheit. Verhaltensbiologie des Risikos, München u. Zürich 1990
  14. vgl. Röder, Sabine: Hinab in den Orkus, in: Luttringer, Klaus (Hrsg.): Zeit der Höhlen, Freiburg 1994, S. 57- 87
  15. Laumanns, Michael: a.a.O., 1994, S. 99
  16. Raa, Eric ten: A Record of some Pre- Historic and some recent Sandawe Rockpaintings, in: Tanzania Notes And Records, No. 75, 1974, p. 9- 27
  17. Mayer, Ambros: a.a.O., S. 655
  18. vgl. Laumanns, Michael: a.a.O., 1994
  19. vgl. Laumanns, Michael: Recent Explorations in the Caves of the Matumbi Hills & Tanga, Tanzania, in: The International Caver, Heft 11/ 1994, S. 29- 37, S. 34
  20. Brief von Dr. Waane, Direktor der Antiquities Unit des Ministry of Education and Culture, P.O.Box 2280, Dar- es- Salaam, Ref.- Nr.: UTV/DMK/3046/57 vom 1.12.1995 an Peter Marwan (Übersetzung durch den Verfasser)
  21. Birnbaum, Michael: Zurechtgebogen, nachgewählt, neu gezählt, in: Süddeutsche Zeitung, 24.11.1995, S. 4
  22. Birnbaum, Michael: Herrschen mit Hammer und Harke, in: Süddeutsche Zeitung, 27.10.1995, S. 3
  23. „Ethnicity and…“, in: The Economist, 11.11.1995, S. 56
  24. Lynch, Kenneth: Urban Fruit and Vegetable Supply in Dar es Salaam, in: The Geographical Journal, Jahrg. 160, Nr. 3/1994, S. 307- 318, S. 307- 308
  25. Frankfurter Allgemeine Zeitung: Ausbau in Tansania, 18.1.1996, S. 11 der Reisebeilage