Es wurde bereits festgestellt, dass die herbstliche Wetterinversion etwa Anfang Oktober erfolgt. Ab Anfang November liegt die mittlere Temperatur des Außenwetters unter 0 °C, womit die Eisbildung beginnen kann.
Bis in welcher Entfernung vom Eingang Eisgebilde anzutreffen sind, bzw. wie weit die 0 °C-Isotherme eindringt, hängt von der Außentemperatur ab und wie lange die Kälteextreme anhalten. Je kälter es draußen ist, um so intensiver wird die Wetterführung und um so mehr Kaltluft gelangt in die Höhle. Die kalte Tagluft nimmt im Kontakt mit dem Gestein Wärme auf und kühlt damit das Gestein ab. Da die Wärmeleitfähigkeit des Kalkgesteins klein ist, bildet sich ein relativ dünner Mantel kühlen Gesteins zwischen der Höhlenwand und dem unbeeinflußten Deckgebirge. Die Dicke dieses Mantels hängt von der Gleichgewichtseinstellung zwischen der Kühlung durch die Luft und dem Wärmenachfluß aus dem Deckgebirge ab. Schließlich wird ein Punkt erreicht, ab dem es nicht mehr zur Kühlung des Gesteins bzw. Erwärmung der Luft kommt. Ab dieser Stelle werden konstant 4 °C Luft- und Gesteinstemperatur herrschen. Dementsprechend liegt die 0 °C-Isotherme etwas weiter zum Eingang hin.
Auf jeden Fall ergibt sich ein typisches Temperaturprofil, in dem die Wärme vom Tiefpunkt am Eingang bis zur Zone der konstanten Temperatur zunimmt und dann gleich bleibt. Sehr schön ist dies aus der Messreihe für den 23.-25. März 1984 zu ersehen, wo die Temperatur von -10 °C (Eingang) auf 2,6 °C (Riesenkamin) zunimmt. Die Zone der konstanten Temperatur wurde nicht erreicht. Die 0 °C-Isotherme liegt kurz vor dem Gaudischluf. An dieser Stelle sei noch ein kurzer Hinweis über die durchschnittliche Temperatur der Höhle erlaubt, die bisher mit 4 °C (genau: 3,3 °C) angegeben wurde. Innerhalb der durchgemessenen Strecke liegt sie jedoch im Winter erheblich darunter. Die vorgenannte mittlere Temperatur bezieht sich allerdings auf die mittlere Höhe des Wetterwegs, die bei 1280 m ü. NN liegt. Der erforschte Teil der Salzgrabenhöhle endet genau dort, weshalb nur ein sehr begrenzter Ausschnitt aus dem Temperaturprofil der direkten Messung zugänglich ist!
Die Eisdegeneration beginnt mit dem Eindringen warmer Luft. Bereits im Februar steigt die Tageshöchsttemperatur zeitweise über den Schmelzpunkt und spätestens Anfang April liegt auch die mittlere Temperatur ständig darüber. Die Wetterführung weist zu diesem Zeitpunkt aber noch bergeinwärts und setzt somit das Eis einem ,,warmen Hauch`` aus. Nach der Inversion ist ein ständiger Zutritt von mit 4 °C vergleichsweise warmer Luft aus dem Höhleninneren gewährleistet, der ab April die Eisdegeneration rasch vorantreibt. Auch das Wasser spielt eine Rolle als Wärmelieferant. Das kleine Rinnsal, das von der Eingangshalle nach innen fließt, übermittelt Wärmeenergie von außen, unterhöhlt die mächtigen Eisgebilde und zerstört sie schließlich. Dabei dauert die Degeneration selbstverständlich um so länger, je mehr Eis zu schmelzen ist (,,Kältereservoir``). Im Juni 1984 war in der Eiskapelle noch ein einzelner Eisblock von 110 cm Länge, 40 cm Breite und 20 cm Dicke anzutreffen, der einen Überrest aus dem Winter darstellte.
Die Reichweite des Eisvorstoßes ist unterschiedlich. Durchgehende Vereisung ist im Winter bis etwa zum Gaudischluf immer anzutreffen, wobei sich in der Eiskapelle bis zu 8 m hohe Eisstalagmiten bilden und der Höhlenbach am Richters Rutsch erstarrt zu einem gut 1 m mächtigen Sohleislager, das den Einstieg in die Steilstufe erheblich verengt (Abb. 10 u. 11)!

Abbildung 10: Der ,,Richters Rutsch`` im Sommer (Foto: G.
Novak)
Einzelne Eisfiguren sind in jedem Winter bis zum Satteldom beobachtbar. Nur bei extremer Kälte sind gegen Ende des Winters auch in noch tagferneren Bereichen einzelne Eisformationen anzutreffen. Der weiteste Vorstoß wurde am 24.3.1962 beobachtet- er reichte bis hinter die Mitternachtshalle (briefl. Mittl. GRUBERT 2.2.1992)!

Abbildung: Der ,,Richters Rutsch`` im Winter mit
mächtiger Vereisung (Foto: G. Novak)
Über die Morphologie des Höhleneises und die Nomenklatur berichtet ausführlich KYRLE (1923: 110-163).